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Nach über 40 Jahren Praxis halte
ich das Thema nach wie vor für aktuell
weil viele der damals offenen Fragen nicht gelöst sind.

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Dr. Bernd Soeken


Vergleichende klinisch-psychopathologische Untersuchungen über

akustische Halluzinationen

bei Schizophrenen und hirnorganisch Kranken


Dissertation

zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin.
Der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf
vorgelegt von
Bernd Soeken
1969

Aus der Psychiatrischen Klinik der Universität Düsseldorf
Direktor: Professor Dr. med. Caspar Kulenkampff

Gedruckt mit Genehmigung der Medizinischen Fakultät der
Universität Düsseldorf
Der Dekan gez.: Prof.Dr.K. Greeff
I. Berichterstatter gez.: Prof .Dr.W.Klages
II. Berichterstatter gez.: Prof .Dr.Dr.G.A. Lienert


INHALTSVERZEICHNIS /Seite:

I. Einleitung und Rechtfertigung des Themas /-3-
II. Literatur /-4-
III. Eigene Untersuchungen /-18-
IV. Gesetzmäßigkeiten und Leitlinien /-78-
V. Diskussion der Ergebnisse /-84-
VI. Zusammenfassung /-90-
VII. Literaturverzeichnis /-91-

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I. EINLEITUNG UND RECHTFERTIGUNG DES THEMAS

Im Rahmen eines größeren Forschungsbereichs wurden bereits psychopathologische Studien über Symptome bei endogen und Symptome bei hirnorganisch Kranken vorgenommen:
z.B. Körpermißempfindungen bei thalamisch Kranken und Psychosen, Verhaltensuntersuchungen bei Orbitalhirnkranken und Hebephrenen, Depersdnalisationssyndrom bei Schizophrenen und hirnorganisch Kranken, Geruchshalluzinationen bei hirnorganisch Kranken und Schizophrenen usw. (Klages (18; 19; 20; 21) ).

Das Anliegen der hier vorliegenden Arbeit ist, Gemeinsamkeiten, bzw. Abweichungen zwischen akustischen Halluzinationen Schizophrener und akustischen Halluzinationen hirnorganisch Kranker aufzufinden.

Dadurch wird es vielleicht möglich, dem somatischen Pol der Schizophrenie etwas näherzukommen.

Über akustische Halluzinationen bei hirnorganisch Kranken hat H. J. Hartmann (14) eine zusammenfassende Darstellung mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis als Dissertationsarbeit vorgelegt, auf die in der hier vorliegenden Arbeit verwiesen werden kann.

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II. LITERATUR

Das Problem der Halluzination und der Halluzinose wurde in der oben erwähnten Arbeit Hartmanns (14) bereits so eingehend in allgemeiner Weise behandelt, daß Arbeiten, die sich mit dem Problem als solchen befassen, ich hier nicht aufzuführen brauche und mich sofort dem zuwenden kann, was im Besonderen über Halluzinationen bei Schizophrenen gesagt wurde.

Es erscheint angebracht, dem Folgenden einige der klassischen Beobachtungen E. Bleulers (9) voranzustellen, die darüber Auskunft geben, welche formalen und inhaltlichen Gesetzmäßigkeiten in den Halluzinationen Schizophrener zu erwarten sind:

Akoasmen (Wehen, Sausen, Summen, Rasseln, Schießen, Donnern) kommen vor, werden aber verhältnismäßig selten halluziniert, ebenso wie Musik.

Das Alltägliche sind Stimmen. Diese werden von den Kranken äußerst selten etwa in Form einer ganzen Predigt oder eines Dramas halluziniert. Zusammenhängende Reden sind - abgesehen von der Komplikation mit Alkoholismus -überhaupt nicht häufig. In der Regel werden die Stimmen als abgebrochene Worte oder kurze Sätze vernehmbar. Es können einzelne Stimmen auftreten, oder viele zugleich. Oft nehmen die Stimmen spezielle Eigentümlichkeiten an; sie reden ungeheuer langsam, skandieren, rhythmisieren, reimen, reden fremde Sprachen etc. Die Intensität reicht vom leisesten Flüstern bis zur erschreckenden Donnerstimme. Ebenso unterschiedlich ist die Deutlichkeit der Stimmen: sie wird von klar und scharf Vernehmbaren bis zum verwirrten Gemurmel graduiert. Intensität, Zwangsbeachtung und Deutlichkeit der Projektion nach außen haben die gemeinsame Eigenschaft, oft mit den Schwankungen der Krankheit zu- und abzunehmen. So ist es ein Zeichen von Beruhigung, wenn es einem Kranken gelingt, den Halluzinationen die Beachtung zu entziehen. Lokalisiert werden die Stimmen in die nähere und fernere Umgebung, in den eigenen Körper und auch in andere Personen. Die Auslösung erscheint nicht an bestimmte, immer wiederkehrende Faktoren gebunden, doch ist ein Unterschied zwischen Tag und Nacht spürbar: das Dunkel scheine das Auftreten von Halluzinationen zu erleichtern. Auch das erste Auftreten der Halluzinationen wird auf recht verschiedene Weise geschildert: sie schleichen sich in einzelnen Fällen ganz unmerklich in das Bewußtsein des Patienten ein. Einzelne Gedanken werden immer lebhafter, bis sie sinnliche Deutlichkeit bekommen, oder leises, unbestimmbares Flüstern, das zuerst kaum beachtet wird, eröffnet die Szene. In seltenen Fällen treten die Halluzinationen zuerst als gewöhnliche Traumempfindungen auf, kommen dann im Halbschlaf, dann im vollen Wachen. Häufig aber fallen den Kranken gleich zu Anfang einzelne Zurufe auf und üben einen gewaltigen Einfluß auf sein psychisches Gleichgewicht aus. Wie sie gekommen sind, können die Halluzinationen wieder verschwinden; oft kommen oder gehen sie mit den Wellen der Krankheit. Viele Patienten aber haben Jahrzehnte keinen wachen Augenblick ohne Halluzinationen. Gern werden die schizophrenen Halluzinationen stereotypiert, kompliziertere vereinfacht, so daß schließlich nur noch ein Wort oder ein unartikulierter Ton dem Patienten seine Wahnideen bestätigt. Der Realitätswert der Halluzinationen ist meist ein ebenso großer oder größerer wie der der wirklichen Wahrnehmungen: wo Wirklichkeit und Halluzination miteinander in Konflikt kommen, wird meist die letztere

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als die Wirklichkeit angesehen. Bezweifelt man die Realität der Halluzinationen eines Patienten, so wird gewöhnlich entgegnet: "Wenn das keine wirkliche Stimme ist, so kann ich auch ebensogut sagen, sie reden jetzt nicht wirklich mit mir." Wenn die Kranken ihre Stimmen von der Wirklichkeit der Gesunden unterscheiden, so geschieht es meist durch Merkmale, die mit der normalen Projektion nichts zu tun haben: ein gewisser Inhalt, ein ungewohnter Ausgangsort, die Unsichtbarkeit des Urhebers u. ä. weisen auf etwas Besonderes hin, das jedoch nicht zu Zweifeln an der Realität der Halluzinationen führt. Die Patienten unterscheiden im Großen und Ganzen zwei Hauptklassen von Stimmen: diejenigen, die von außen kommen ganz wie natürliche -und dann die in den eigenen Körper projizierten, die fast gar keine sinnliche Komponente haben und am häufigsten als innere Stimmen bezeichnet werden ( Baillargers psychische Halluzinationen). Alle Ubergänge von den normalen Vorstellungen zu den Sinnestäuschungen mit vollkommener sinnlicher Deutlichkeit kommen vor. Die Kranken erklären sich das Auftreten der Stimmen durch sprechende Menschen oder Apparate. Oft machen sie sich keine Gedanken über das Besondere der Erscheinung: "Die Stimme kann doch da sein." In einzelnen Fällen merken sie das Pathologische; namentlich der Zusammenhang mit oder der Ursprung aus den eigenen Gedanken wird vielen Kranken mehr oder weniger bewußt. Das Verhalten gegenüber den Erscheinungen zeigt die buntesten Verschiedenheiten. Viele Kranke, namentlich in akuten Stadien, reagieren auf dieselben, wie wenn sie Wirklichkeit wären. Im anderen Extrem kümmern sich die Patienten gar nicht um die Sinnestäuschungen. Oft erfinden sie Schutzmaßregeln gegen die Halluzinationen: vom Ohrenzuschließen bis zu den unsinnigsten Faxen und kabbalistischen Beschwörungen. Andere wieder suchen die Halluzinationen direkt auf, teils aus feindlichem Interesse, teils, weil sie ihnen angenehm sind. Die teilweise Spaltung der Psyche erlaubt den Patienten während des Halluzinierens oft einen normalen, zentripetalen wie zentrifugalen Kontakt mit der Außenwelt. Ein Phänomen der Halluzinationen Schizophrener, das schon zur Besprechung des Inhalts überleitet, ist, daß die Stimmen den Kranken zur Repräsentation der Mächte werden, denen sie sich ausgesetzt fühlen: die Stimmen reden nicht nur, sie elektrisieren die Kranken, machen sie steif, entziehen ihnen die Gedanken etc.

Über den Inhalt der Halluzinationen läßt sich generell sagen, daß er, auch bei den Akoasmen, in enger Beziehung zum Schicksal des Patienten steht. (z. B. das Schießen geschieht zu seinem Verderben.) Es gibt auch einzelne Fälle, wo Akoasmen keine andere Bedeutung haben, als etwa Ohrensausen für den Gesunden. Es sei aber fraglich, ob diese Erscheinungen den Namen "Halluzinationen" verdienten. Wie oben ausgeführt, werden die Stimmen im allgemeinen als kurze Sätze oder einfache Worte gehört. Diese müssen für sich nicht einmal einen Sinn haben; der wird erst von den Patienten hineingelegt. In den Stimmen der Kranken liegt ihr Streben und Fürchten, ihr ganzes verändertes Verhältnis zur Außenwelt. Dem Megalomanen vermitteln sie die Erfüllung seiner Wünsche, dem Religiösen den Verkehr mit Gott und seinen Engeln, dem Deprimierten sagen sie alles erdenkliche Unglück an, den Verfolgten bedrohen und beschimpfen sie Tag und Nacht. Am häufigsten sind Bedrohungen und Beschimpfungen. Sehr oft sind die Stimmen kontradiktorisch; zunächst gegen den Patienten (wenn er an Gott denkt, leugnen sie dessen Existenz), dann aber auch unter sich. Die Rolle des Pro und Kontra wird oft von verschiedenen Stimmen von verschiedenen Persönlichkeiten übernommen, neben den

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Verfolgern hören die Kranken oft einzelne Beschützer. Weiterhin glossieren die Stimmen Absichten der Patienten, geben Befehle und verhöhnen den Kranken, wenn die Befehle ausgeführt werden. Mit Vorliebe kritisieren die Stimmen Gedanken und Handlungen der Patienten. Zuweilen verbieten sie, was der Patient gerade zu tun im Begriff ist oder stellen gesunde Kritik gegen wahnhafte Gedanken und Absichten des Patienten dar. Diese "Gewissensstimmen" können eine Absicht des Patienten kritisieren, bevor sie diesem zum Bewußtsein gekommen ist. Wahrnehmungen werden in Stimmen umgesetzt, ohne daß sie bewußt werden; sie werden dann vom Patienten als Prophezeiungen gedeutet. Andere Prophezeiungen sind schlicht Wünsche und Befürchtungen des Patienten. Manche Stimmen konstatieren nur, was die Patienten tun oder denken: die Idee einer Handlung oder eines Gegenstandes wird in akustisch vernonmene Worte umgesetzt. Häufig trifft man Gedankenlautwerden; regelmäßig mischen sich dem Gedankenlautwerden andere Halluzinationen bei. Schließlich bleibt noch der häufige sexuelle Inhalt der Halluzinationen hervorzuheben.

Nun interessiert die Frage, wie die Halluzinationen Schizophrener im Vergleich zu den Sinneseindrücken Gesunder aufzufassen seien; eine Frage, deren Problematik von Bleuler (9) bei der Behandlung des Realitätswertes schizophrener Halluzinationen bereits angedeutet wurde.

E. Straus (27) deutet die Sinneseindrücke beim Gesunden so:
"Wirklichkeit des sinnlichen Erlebens bedeutet die von Augenblick zu Augenblick wechselnde Weise meines Betroffenseins als dieses einmaligen Individuums, das im Einen und Trennen, im Aufnehmen und Ausscheiden, in Nähern und Entfernen sein Verhältnis zum Andern und damit sich selbst erfährt, oder sich selbst und damit das Andere erfährt."
In der Psyohose werde die Distanz zum Gegenstand verloren, das Betroffensein im Verhältnis zum Andern sei pathologisch so verändert, daß das Andere in gleichsam neuen Aspekten erscheine. Halluzinationen aber erschienen dort, wo die Ich-Welt-Beziehungen pathologisch abgewandelt sind.
Den akustischen Halluzinationen schenkt Straus (27) besondere Aufmerksamkeit:
"Die Stimmen, die den Schizophrenen quälen, betrachten wir als ein Symptom, in dem sich die besondere Weise des Betroffenseins gleichfalls manifestiert. Die Stimmen werden gehört, sie sind akustische Phänomene oder ähneln ihnen weitgehend. Aber sie sind doch auch hinreichend verschieden, so daß sie sich von allem andern Hörbaren abheben. Die Weise ihres Empfangenwerdens ist eher ein Innewerden, das dem Hören gleicht. Die Stimmen tauchen in einer entstalteten akustischen Sphäre auf, sie treffen den Kranken in einer Beziehung zu dem Andern , die den Hören am meisten ähnelt." Das Stimmenhören stehe zwischen den coenesthetischen Halluzinationen und dem Gedankenlautwerden. Die coenesthetischen Störungen reichten noch tiefer in das Leiblich-sinnliche, die Denkstörungen bekundeten den Verlust der Freiheit zur Abstraktion.

Alle Halluzinationen, nicht nur die Schizophrener, bezieht G. K. Anastasopoulos (2) ein, wenn er schreibt:
"Jedenfalls glauben wir, daß das, was wir als optisch, akustisch usw. bei einer Halluzination bezeichnen, keineswegs mit dem normalen Optischen, Akustischen usw. identisch ist, besonders wenn wir zum Vergleich nicht die End-, sondern die Anfangsformen der Halluzinationen heranziehen."

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Für die Wahrnehmungen des Gesunden scheint Anastasopoulos eine Voraussetzung charakteristisch zu sein: "Das Zustandekommen einer normalen Wahrnehmung setzt eine eigene Aktivität seitens der Persönlichkeit voraus und ein Bewußtsein einer mitwirkenden eigenen Aktivität ist dann stets vorhanden."
Dies sei wesentlich, denn:
"Eine Halluzination unterscheidet sich von einer normalen Wahrnehmung durch das Fehlen jedes Bewußtseins einer stattfindenden eigenen Aktivität und vielleicht einer Aktivität überhaupt.", und weiter: "Den Halluzinationen liegt ein bis zum Verlust gehendes Nachlassen des Bewußtseins hinsichtlich eines eigenen Zustandes zugrunde, so daß dieser Zustand wohl erlebt, jedoch nicht als eigener erlebt wird."
An anderer Stelle (3) beschreibt Anastasopoulos die Halluzinationen als aufkeimendes Bewußtsein von dem Selbst, das einem schon vorhandenen Bewußtsein des Selbst an die Seite gestellt werde als ein im Werden begriffenes Nebenbewußtsein des Selbst.
In der gleichen Schrift führt er aus, daß der Wille sich seiner selbst bewußt zu werden und darauf zu verharren, viel mehr bei endogenen als bei organischen Psychosen hervortrete.

J. Wyrsch (28) unterscheidet zwischen den Halluzinanten verschiedener Krankheitsgruppen: "Der Alkoholhalluzinant hat ganz wie der Ausdruck lautet, Trugwahrnehmungen ... Der paranoide chronische Halluzinant aber kann sehr wohl zwischen Halluzinieren und zwischen wirklichem Wahrnehmen unterscheiden."

Diese Beobachtung Wyrschs zitiert auch F. Hillers (15), der den Wahrnehmungscharakter der Halluzinationen Schizophrener geradezu in Zweifel zieht: "Die Definition Esquirols wird den schizophrenen Halluzinationen nicht gerecht. Diese werden zwar vom Kranken so dargestellt, als seien sie Wahrnehmungen; bei genauerer Untersuchung zeigt sich jedoch, daß das in ihmen angegebene Sinnenerlebnis inadäquat begründet wird. Offenbar verwendet der Kranke ein ihm geläufiges Erlebnismodell, um das fremdartige pathologische Phänomen mitteilbar zu machen. Hinter diesem Schema verbirgt sich das eigentliche pathologische Geschehen, das der Kranke als "Eingeschaltetwerden" in ein fremdes Gesetz erlebt, das die Freiheit der Persönlichkeit einengt und die Sinnbezüge, in denen die Persönlichkeit lebt, aufzuheben droht."

Eine "Beziehungssetzung ohne adäquaten Ausweis" scheine charakteristisches Merkmal allen schizophrenen Erlebens zu sein. Hillers zitiert einen Patienten E. Bleulers, bei dem jene "Beziehungssetzung ohne adäquaten Ausweis" deutlich zum Ausdruck komme, als er eine Geruchshalluzination mit den Worten beschreibt: "Das Fleisch stinkt, wie wenn man ein goldenes Ei darauf zerdrückt hätte."

Auf die Schwierigkeit, schizophrenes Erleben zu verstehen, weist O. Bumke (10) hin:
"Nicht selten bleiben wir im Zweifel, ob ein Erlebnis halluzinatorisch sinnlich, oder rein gedanklich erlebt worden ist."

Auch K. Kolle (22) hebt die Fremdartigkeit der schizophrenen Psyche hervor:
"Sicher ist ferner, daß es sich nicht nur um gestörte, abgeänderte Wahrnehmungs-, Denk-, Willens- oder Gefühlsvorgänge, sondern um ein neuartiges, dem gesunden Seelenleben fremdes Erleben handelt, an dem verschiedene seelische Vorgänge beteiligt sind."

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Einen außerordentlich bedeutungsvollen Hinweis für das Verständnis auch der Halluzinationen Schizophrener meinen wir bei C. Schneider (26) zu finden:
"Die ... an der Schizophrenie eingeleiteten Untersuchungen zeigten, daß man weitgehende Aufschlüsse über die Art, den Aufbau und die Bedeutung der schizophrenen Symptome bekommt, wenn man in Analogieschlüssen die Kundgaben der Schizophrenen über ihr inneres Seelengeschehen mit dem Einschlafen des Gesunden vergleicht und daraus die formellen Kriterien der wichtigsten schizophrenen Symptome festlegt."
Eine weitere Erfahrung C. Schneiders erscheint ebenso aufschlußreich:
"... jede genauere Beobachtung Schizophrener zeigt, wie häufig sich zumal im Beginn der Schizophrenie Einschlafen und Schizophrenie summieren und steigern: z. B. es wird nur abends kurz vor dem Einschlafen halluziniert, nur abends werden die Kranken faselig usw. Somatische Ursachen dieser Summation können nicht ermittelt werden. Daher scheint es berechtigt, an eine Summierbarkeit auf Grund innerer Verwandtschaft zu denken."

C. Schneider selbst betont, daß sich die Ähnlichkeit des Müdigkeits- oder Einschlafdenkens mit den schizophrenen Abwandlungen nur auf den Vorgang sich einschiebender "Substitutionen" beziehe. Darauf kommt K. Zucker (30) zurück und hebt hervor:
"Funktionsanalytisch gesehen ist der Unterschied zwischen den beiden Verläufen darin gegeben, daß im Gegensatz zur Schizophrenie beim Einschlafdenken die Selbstbeobachtungstendenz zuerst funktionsuntüchtig wird, und sich daher die Abwandlungen in keiner Weise mehr in ihr spiegeln können. Erst im wieder hell Wachwerden kann das Wesen des Verlaufs erfaßt, erinnert und einer Kritik zugängig gemacht werden."

Bei seinen Untersuchungen gelangt Zucker zu Ergebnissen, die sich mit denen C. Schneiders zum Teil decken: "Sie (= die Untersuchungen) lehren, daß in frischen Fällen, die den Verlauf nehmen, auf welchen unsere gesamten Besprechungen überhaupt abheben, die akustischen und optischen Sinnestäuschungen folgende Umstände des Einsetzens bevorzugen: einmal ist das die Plötzlichkeit, mit der sie als den Patienten überraschende fremde Gebilde kommen. Sodann sind es Gelegenheiten, bei denen der Denkablauf gewöhnlich distrahiert ist: Vor dem Einschlafen, kurz nach dem Erwachen, in der Ruhe; fern einer konzentrierenden Tätigkeit."
Für die Tatsache, daß in schizophrenen Endzuständen ausgesprochene Halluzinationen in der Regel nicht feststellbar sind, hat Zucker eine Erklärung: "Dort, wo, wie in schizophrenen Endzuständen, die überschichtende Tendenz mit ihrer das Ziel antizipierenden Funktion stärker defekt wurde, kann es einmal nicht mehr zur Selbstbeobachtung kommen, zum andern aber auch nicht mehr zu der Erlebnisstruktur, die sowohl den Fremdheitserleben als auch den Sinnestäuschungen zugrunde liegt."

Wie in den schizophrenen Endzuständen verschwänden auch in schwersten katatonen Erscheinungsformen die Halluzinationen im engeren Sinne, betont C. Schneider (26). Er hat weiter beobachtet, daß die Schizophrenen in der Regel zu halluzinieren beginnen, wenn Störungen der Willenssphäre und Störungen der Leibgefühlssphäre zusammen mit einem mittleren Grad verschwommenen Denkens vorhanden sind. Der chronischen Verbalhalluzinose räumt C. Schneider eine Sonderstellung ein. Sie könne bei chronischen Schizophrenen auch dann bestehen bleiben, wenn nur geringfügige Störungen des Denkens, des Willens und der Gefühle nachweisbar seien. Dies erklärt er damit, "daß die Sinnestäuschungen der Schizophrenen um so fester haften

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und um so schwerer zu beseitigen sind, je längere Zeit die Kranken bereits halluziniert haben. Es erfolgt also irgendwie eine Einübung im Zusammenspiel der einzelnen Störungen. Es wird also auch irgendwie wohl die Bereitschaftsschwelle zum Halluzinieren durch die Übung erniedrigt."

Von den zuletzt angeführten, unserer Ansicht nach bedeutungsvollen Zitaten über einige Eigentümlichkeiten und Sonderformen der akustischen Halluzinationen Schizophrener kommen wir nun wieder zu dem, was, nach Meinung der hier zitierten Autoren, die grundsätzliche Eigenart schizophrener Halluzinationen ausmacht.

Zucker (30) hebt hervor, "daß für sie selbst (= die Patienten) der Haupteindruck in dem "Gemachten" liegt, dagegen die Qualität, ob gehört, gefühlt, gesehen oder (fremd) gedacht, manchmal gänzlich in den Hintergrund tritt."
Er deutet die schizophrenen Sinnestäuschungen funktionsanalytisch:
"Dem Inhalt nach sind die Nebenprodukte des Denkens = Abwandlungen. Entsprechend dem Grade der zugrunde liegenden Störung weisen diese Inhalte einen teils noch deutlich, teils nur schwer oder nicht mehr erkennbaren Sinnzusammenhang mit dem primär Intendierten auf. Das Abweichen vom intendierten Verlauf oder Komplex kann auf verschiedene Weise geschehen: über den Weg des Sinn-, gestaltlich- sprachlich- oder Bedeutungsverwandten. Bedingt sind diese Abwandlungen durch primäre Störungen in der auf das Material gerichteten Tendenz. Diese ist nicht mehr genügend stark oder präzis genug auf die "Figur Bildung" gerichtet. Da das Material von der Tendenz selbst in komplexen Formen angetroffen wird, müßte es im Sinne der angestrebten Figur-Bildungen umgeprägt werden. Zu dieser Unprägung kommt es nur unvollkommen, so daß der Komplex als Ganzes eventuell sogar noch weiterliegende Komplexe von der unpräzisen Tendenz mit in den Vorgang hereingezogen, mit aktiviert werden, oder wie das früher ausgedrückt wurde, nicht passendes mitanspringendes Material kann von der unpräzisen Tendenz nicht ferngehalten werden. Die Qualität des Erlebens, d. h. den Charakter des Wahrnehmungsartigen erhalten diese Inhalte durch die Passivität, mit der die Kranken im Selbsterleben diesen auftauchenden Inhalten gegenüberstehen. Sie haben nicht das "Gefühl", sie intendiert zu haben, wie etwa Vorstellungen. In der Funktion entspricht das folgendem Sachverhalt: Die den Vorgang der Figurbildung überschichtende und gleichzeitig die Zielrichtung antizipierende Tendenz ist auf diese Nebenkomplexe nicht eingestellt. Oder anders ausgedrückt: Strukturell entsprechen den Veränderungen der Materialtendenz keine gleichen in der überschichtenden Tendenz. Somit fallen die Nebenkomplexe außerhalb der antizipierenden Zielrichtung, d. h. psychologisch gesprochen, sie erscheinen unerwartet und fremd."

Die Auffassung der (modernen) psychoanalytischen Schule über Halluzinationen fanden wir bei Frieda Fromm-Reichmann (12): "Eine andere Ausdrucksform seelischer Vorgänge, die Gesunden und Geisteskranken gemeinsam ist, sind jene Darstellungsmittel, die der Gesunde schlafend in seinen Träumen und der Kranke im Wachzustand in seinen psychotischen Produktionen verwendet. Träume und psychotische Produktionen sind eigentlich ein und dasselbe. Um nur einige wenige Ähnlichkeiten anzuführen: Beide, der Träumende wie der Psychotiker, operieren mit Anspielungen, Symbolen, Bildern, verwenden Verdrehungen und Verdichtungen, beide erleben Illusionen und Halluzinationen. Bei beiden folgt das Denken keinen logischen Regeln,

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Zeit- und Raumsinn stimmen mit der chronologischen und topographischen Realität nicht überein. Kurz, der Psychotiker operiert mit Gedankenabläufen und Ausdrucksmitteln, die den Psychotherapeuten, der etwas von psychoanalytischer Traumdeutung versteht, durchaus vertraut sind Manche Psychotherapeuten vertreten die Ansicht, daß der Traum sozusagen einen vorübergehenden psychotischen Zustand darstelle, durch den wir alle vierundzwanzig Stunden einmal hindurch müssen, und daß wir uns auf diese Weise dagegen schützten, auch im Wachzustand dauernd psychotisch zu reagieren."
Im folgenden legt die Autorin unter anderem auch eine mögliche Theorie von der Ätiologie der Halluzinationen dar:
"Dynamisch gesprochen, entstehen Halluzinationen beim Durchbruch gewisser abgespaltener Impulse, die so überstark werden, daß sie nicht mehr in der Verdrängung gehalten, noch auch reibungslos mit wenig oder keiner Bewußtwerdung entladen werden können. Sie schaffen sich dann Ausdruck in Form wahrgenommener, autonomer Aktivität der verschiedenen Sinnesorgane, als subjektive Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Tast-, Geschmacksempfindungen ohne objektive Grundlagen ... Wenn es zutrifft, daß Halluzinationen auf starken verdrängten oder abgespaltenen Impulsen beruhen, die ins Gewahrwerden durchbrechen, so folgt daraus, daß alle Halluzinationen auf früheren oder späteren wirklichen Erlebnissen beruhen müssen ..."

Ähnlich E. Straus (27), auf den er ausdrücklich verweist, glaubt L. Binswanger (8) in den Halluzinationen keine isolierten Störungen sehen zu dürfen, die man vom Wahngeschehen abtrennen könne. Dem Dasein sei, wie Binswanger betont, die Fähigkeit verlorengegangen, ("geistige") Distanz zu nehmen; es sei völlig befangen in der bloßen Empfänglichkeit, und zwar vorwiegend in der Form der mitweltlichen Beeindruckbarkeit. Und "Wo die Seinsmöglichkeit der Beeindruckbarkeit sich völlig verselbetändigt und damit maß- und grenzenlos wird, das Dasein sich also auf das Empfangen von "Eindrücken" beschränkt, da sprechen wir von Halluzinieren."

Bei den nun folgenden eigenen Untersuchungen an 20 schizophrenen Patienten galt unser Hauptinteresse der Behandlung all der Fragen, die das Halluzinationsproblem betreffen, doch haben wir in einem Fall die Gelegenheit wahrgenommen zu zeigen, wie sich der Beginn einer schizophrenen Psychose für den interessierten Laien darstellt.

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III. EIGENE UNTERSUCHUNGEN

PATIENT A

Als die jetzt 44jährige Patientin 1965 zum erstenmal das Rheinische Landeskrankenhaus aufsuchen muß, wird in den Krankenblättern von Arzt und Schwestern immer wieder ihre stille, etwas gedrückte und müde Gesanthaltung vermerkt. Vermutlich hat sie auch Angst:
"Pat. entschuldigt sich fast für jede Bewegung", heißt es z.B.
"Zeitlich, örtlich, zur Person und situativ" ist sie voll orientiert und macht die Angaben zur Anamnese selbst.

Darnach ist die F. A. psychiatrisch unauffällig. Sie selbst hat nach 8-jährigem Volksschulbesuch zu Hause gewohnt und ihre lungenkranke Mutter gepflegt. Als diese 1947 stirbt, ist die Pat. 24 J. alt. 1948 stirbt auch der Vater. 1 J. später geht die Pat. in ein Schwesternheim nach England. Obwohl sie dort lernt, fließend Englisch zu sprechen, lebt sie sich nur schwer ein und hat Schwierigkeiten mit den anderen Angestellten. Es sei "sehr viel Porzellan entzwei" gegangen.
1951 kehrt sie nach Deutschland zurück und lebt zunächst bei einer ihrer jüngeren Geschwister. Über ihre nun folgenden Lebensjahre wissen wir durch die Pat. nur wenig. "Hier wird die Anamnese von der Pat. plötzlich abgebrochen", heißt es im Krankenbericht.
Immerhin erfahren wir aus der "Eigenen Anamnese", daß in diese Eeit eine schwere Rippenfellentzündung mit Lungenabszeß fällt und 1951 ein hartnäokiges Asthmaleiden einsetzt.
Über dieses Asthmaleiden läßt sich auch eine Fürsorgerin aus, die die Pat. seit 1960 betreut und ihre Erfahrungen mit ihr 1967 in einem Brief an das LKH ausführlich mitteilt. "Immer wenn irgendwelche Schwierigkeiten waren, bekam sie ihre Asthmaanfälle", heißt es da. Die Anfälle sind manchmal so bedrohlich, daß sie in ein Krankenhaus eingewiesen wird.
Aus der später wieder aufgenommenen Anamnese erfahren wir weiter, daß sie im Jan. 1961 einen Sohn gebiert, unehelich. Der Vater ist ein verheirateter Mann, den sie kennenlernte, als er Pat. in einem Krankenhaus war, in dem sie als Hausangestellte arbeitete. Ihren Angaben zufolge ist er 1965 an einem Herzinfarkt gestorben. Es liegt nahe, diese Angabe auch tiefenpsychologisch zu deuten, zumal sich im Brief der Fürsorgerin kein Hinweis für einen Tod des Kindsvaters finden läßt. Die Pat. dagegen hat schon vor seinem "Tod" "das Gefühl, daß der Vater ihres Kindes in ihr ist und sie zerstört." ,"Heute morgen", lesen wir im Krankenbericht,"mußte sie große Mengen trockenes Brot essen, um ihn satt zu bekommen. Jetzt darf sie nichts mehr essen, da er inzwischen gestorben ist, aber noch in ihr ist." Später scheint sie sich, nachdem er erst einmal für sie tot war, ganz von ihm gelöst zu haben. Zumindest verursacht er ihr keine Körpermißempfindungen mehr - er taucht in den Krankenberichten überhaupt nicht mehr auf. In ihrem Brief teilt uns die Fürsorgerin unter anderem ihre Ansicht über das Verhältnis der Pat. zum Vater des Kindes mit:
"Es keimte bei uns dann der Verdacht, daß sie, zumindest im Unterbewußten, damit (= mit den Asthmaanfällen) erreichen wollte, daß der Vater des Kindes sich um sie und das Kind sorgen mußte; er hatte sich mit seiner Frau ausgesöhmt und die persönliche Verbindung abgebrochen. Während ihrer plötzlichen Erkrankung war das Kind gelegentlich bei seinem Erzeuger gewesen. Als dessen Frau die Aufnahme verweigerte, kam es einige Male vor, daß Frau A. ins Krankenhaus ging und uns anrufen ließ, daß wir kurzfristig für das Kind sorgen mußten. Bei Arbeitgeber, Arzt und

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Fürsorgerin keimte häufig der Verdacht, daß Frau A. dieses Umsorgtwerden genoß."
Bei anderen Anlässen wird die Fürsorgerin ebenfalls den Verdacht nicht los, daß die Pat. die Anfälle als Mittel benutzt, ihre Wünsche durchzusetzen:
"Sie bezog zunächst Sozialhilfe und stellte einen Rentenantrag. Auffällig war, daß ihre schweren Asthmaanfälle, die Krankenhausaufenthalte und Unterbringung des Kindes erforderlich machten, gewöhnlich mit wirtschaftlichen Engpässen zusammenfielen. Da wir mehrfach vor der Schwierigkeit der Unterbringung des Jungen standen, verlangten wir entschieden von Frau A., daß sie sich selbst um eine Familie bemühen müßte, die zumindest kurzfristig das Kind aufnehmen könnte. Als diese Angelegenheit geklärt war, das Rentengesuch abgelehnt, ging es Frau A. auf einmal besser. Sie konnte sogar ganztags Fabrikarbeit nachgehen und außerdem noch für Haushalt und Kind sorgen. Das Kind ging dann in den Kindergarten. Während wir Frau A. bisher immer nur als schwerfällig und träge kannten und den Eindruck hatten, daß sie sich ziemlich hängen ließ, erlebten wir jetzt eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung. Sie verlor etwas ihre Trägheit und pessimistische Haltung." Die "erfreuliche Aufwärtsentwicklung" dauert nur ein Jahr an. Im Sommer 1965 machen Hausnachbarn der Pat. die Fürsorgerin darauf aufmerksam, daß Frau A. sonderbar stumpf und passiv sei und nicht mehr genug für sich und das Kind sorge. Auf Anraten eines Facharztes läßt sich Frau A. - freiwillig - zur stationären Behandlung in das LKH/ Grafenberg einweisen. Bei der Abfahrt klagt sie über Stimmenhören.
3 Monate darauf, nach ihrer Entlassung, hört sie keine Stimmen mehr und ist "wieder guten Mutes", wie die Fürsorgerin schreibt, Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich wie zuvor in der Fabrik.
Im Frühsommer 1966 wird der Fürsorgerin von verschiedenen Seiten gemeldet, "daß Frau A. wieder sonderbar würde." Mühsam läßt die Pat., die wieder über Stimmenhören klagt, sich dazu überreden, den Facharzt aufzusuchen, will aber die verschriebenen Tropfen nicht nehmen,.da man "durch Tropfen keine Stimmen vertreiben könne." Wenn schon diese Auffassung gegen eine Krankheitseinsicht spricht, spürt die Pat. doch wohl, daß die Krankheit sie daran hindert, für sich und den Jungen zu sorgen und bittet um Unterbringung des Kindes. Dies gelingt, der Junge kommt in ein städtisches Kinderheim. Zur gleichen Zeit bewirbt sich Frau A. bei ihrer früheren Arbeitsstelle, einem Sanatorium, um Wiedereinstellung.
Es erscheinen jetzt alle ihre Aktionen - Wechsel des Arbeitsplatzes, von der Fürsorgerin verhinderter Versuch, ihre Wohnung aufzugeben, Verlassen der neuen Arbeitsstelle - planlos und unsinnig, doch läßt uns ein Satz aus einem Zettel, den sie der Fürsorgerin übergibt, ahnen, wie wenig Wert Frau A. darauf legt, sich in der Alltagswelt noch zurechtzufinden:
"Ich möchte nicht wieder nach R. zurück ich möchte in einem Heim, wo Menschen leben, die Tag und Nacht von einem Geist besprochen werden"
Es verwundert nicht, daß sie freiwillig mitgeht, als Anfang September die Einweisung ins LKH/Gr. erfolgt. Am 3. 12. 1966 wird sie dort von der Fürsorgerin wieder abgeholt und zu ihrer Arbeitsstelle im Sanatorium gebracht. Die Pat. wirkt "starr und stumpfer als zu normalen Zeiten" und läßt sich teilnahmslos von der Fürsorgerin dirigieren.
Während der nächsten 5 Wochen verhält die Pat. sich sonderbar:
Sie bekommt, als sie ihre Arbeit wiederaufnehmen soll, einen Asthmaanfall und sitzt nach der Genesung stundenlang auf der Bettkante herum. Wieder weigert sie sich die verschriebenen Medikamente einzunehmen und wird von einem

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neuen Facharzt schließlich ins LKH/Galkhausen eingewiesen. Dort angekommen sperrt sie sich jedoch, aus dem Auto zu steigen. Man kehrt wieder zurück.
Ihre Wohnung verkommt, die Fürsorgerin hat nicht selten Mühe, alle Kündigungen rückgängig zu machen, die die Pat. ausspricht usw. Zum Schluß verläßt sie das Bett überhaupt nicht mehr und nimmt keine Nahrung mehr zu sich. "Sichtlich froh" läßt sie sich von der Fürsorgerin am 18. 1. 67 abholen. Doch dieses Mal will sie nicht freiwillig ins LKH/Gr. gehen. Meint sie, sie solle wieder in eine fremde Umgebung gebracht werden, beispielsweise nach Galkhausen? Um sie ins LKH bringen zu können, bedarf es eines "Gerichtsbeschlusses und des Auftretens uniformierter Feuerwehrleute. Vorher war sie seit längerer Zeit erstmalig wieder aktiv und impulsiv im Schimpfen gewesen. Sie bestieg dann jedoch wieder passiv und uninteressiert den Krankenwagen und verhielt sich auch in dieser Art weiter bei der Aufnahme im Landeskrankenhaus." Obgleich sie vermutet, daß die Schizophrenie das Verhalten der Pat. beeinflußt, ist die Fürsorgerin doch der Versuchung erlegen, aus dem Lebenslauf von Frau A. Schlüsse auf deren Persönlichkeit zu ziehen; so etwa, wenn sie zu erklären versucht, warum Frau A. "echte Freunde ... eigentlich nie gehabt" habe:
" ... weil Frau A. mit einer anscheinend zielstrebigen Sturheit andere Leute zwang, für sie da zu sein." Daß die Pat. "mit zielstrebiger Sturheit andere Leute zwingt", sei jedoch in Frage gestellt. So machte die Pat. beispielsweise, als sie dem Ref. Fragen über ihr Stimmenhören beantwortete, keineswegs den Eindruck einer aggressiv Leidenden, einer "verfolgten Verfolgerin", vielmehr wirkte sie, wie sie schon in einer Zwischenanamnese beschrieben wurde: "still und freundlich."
Auch in ihren akustischen Halluzinationen herrschen zur Zeit friedliche Themen vor. Zu Anfang aber, bei ihrer ersten Einweisung, fürchtet sie, daß sie sterben muß, denn: "Die Stimmen haben ihr gesagt, daß sie nun sterben muß. Sie hört häufig diese Stimmen. Sie gehören Verstorbenen (= Eltern, toter Großvater, mit 12 J. verstorbener Bruder), die jetzt Geister sind und der Geistervereinigung angehören. Diese Geistervereinigung hat es auf sie abgesehen; sie wollen sie als Medium benutzen für ihre dunklen Machenschaften."
Nach einigen Wochen erzählt die Pat. dem behandelnden Arzt "mehr über ihre Erlebnisse, an die sie aber nun nicht mehr glaubt: kleine Tiere oder Hunde sprangen ihr in den Mund und sagten: ich bin hungrig, iß viel Brot; trink jetzt Milch!"
Bei ihrer zweiten Einweisung sind die Stimmen dazu übergegangen, ihr Handeln zu regeln:
"Meistens befehlen sie mir tu dies, tu das. Sonntag hatte ich frei und wollte eigentlich meinen Sohn besuchen, aber die Stimmen befahlen mir, zu Hause zu bleiben. Ich weiß gar nicht mehr, was ich will ..... Die Stimmen sagen mir, sie wären hier zu Hause, woher die eigentlich kommen, weiß ich nicht. Wenn die Stimmen mal etwas ruhiger sind, schicken sie mir Hitzewellen, die mich überflutet, die Stimmen wollen mich dadurch wohl kaputt machen. Sie entziehen mir den Verstand und wollen mich dumm machen. Durch die Stimmen kann ich mich so schlecht konzentrieren, sie leiten meine Gedanken oder sie unterbinden sie manchmal dermaßen, daß ich nicht weiß, was ich eigentlich denken wollte ..... Entscheidungen treffen kann ich ganz schlecht, denn die Stimmen reißen mich immer hin und her. Ich vermute auch, daß die Stimmen mich krank machen wollen durch Strom oder magische Gewalt."
Bei der dritten Einweisung gibt sie an, die Stimmen hätten immer mehr Macht über sie bekommen, hätten ihr verboten zu arbeiten, Medikamente einzunehmen und hätten ihr auch Asthmaanfälle gemacht. Die Stimmen schreiben ihr sogar den

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Atemrhythmus vor.
Bei einer Exploration im Februar 1967 beantwortet die Pat. noch einige Fragen, die ihre Stimmen betreffen. An das erste Auftreten der Stimmen (Geister verstorbener Verwandter) kann sie sich nicht mehr so gut erinnern. Sie weiß aber noch, daß die Stimmen leise waren und sie gegen Mitternacht aus dem tiefsten Schlaf geweckt hätten. Es habe immer nur eine Stimme gesprochen.
Vom zweiten Auftreten von Stimmen - es war 1966 - ist sie noch heute beeindruckt. Sie habe gerade das Mittagessen gekocht, der Junge sei bei ihr gewesen, als plötzlich jemand laut und deutlich gesagt hätte: "Was kochen sie denn da, Frau A., machen sie das auch richtig?" Als sie hinausging, habe es geheißen: "Schlagen sie mir doch die Tür nicht vor der Nase zu, wir wollen auch raus." In dieser Weise hätten die Stimmen ihre Handlungen kommentiert. Es seien eine ihr unbekannte männliche und eine unbekannte weibliche Stimme gewesen, von denen immer nur eine gesprochen hätte. Sie habe angenommen, die Stimmen hätten einige Meter von ihr entfernt, etwa vom Dachboden aus, zu ihr gesprochen. Weil die Stimmen so unverhofft aufgetreten seien und das Ganze so ungewohnt war (sie hatte nach dem ersten Auftreten der Stimmen ,1/2 J. Ruhe gehabt") hätte sie "es mit der Angst zu tun gekriegt." Die Stimmen hätten ihr erklärt, sie blockierten ihr Gedächtnis (das sei der Sitz des Denkens und des Willens), deshalb müsse sie deren Befehle ausführen, auch wenn sie nicht damit einverstanden sei. "Wenn ich noch selber denken könnte, würde ich natürlich anders handeln." So hätten die Stimmen ihr aufgetragen, ihre Stelle zu wechseln, Wohnung und Möbel zu verkaufen, den Jungen in ein Heim zu bringen und zur Fürsorgerin zu gehen, um sich von ihr ins LKH bringen zu lassen. Auch ihre Zukunft haben die Stimmen bereits programmiert: In 5 Monaten, wenn der Junge in die Schule komme, werde sie entlassen, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Anschließend werde sie wieder, und dann für immer, in die Anstalt gehen, denn die Stimmen hätten ihr gesagt, sie würden sie nie mehr verlassen. Augenblicklich seien die Stimmen aber sehr leise. Sie müsse sich anstrengen, um sie zu verstehen, deshalb höre sie meist gar nicht hin. Eben hätten sie noch gesprochen, aber nun sei es für einen Moment ruhig.
Die Stimmen säßen jetzt auch nicht mehr außerhalb ihres Körpers, sondern in ihrem Ohr.
Morgens beim Wachwerden, abends beim Einschlafen und tagsüber seien manchmal beim Dösen die Stimmen noch lauter.

Die Entstehung sei das gleiche wie bei der Fernsehantenne. Auf den Hinweis, damit würde vielleicht die Art der Übermittlung erklärt, nicht aber der eigentliche Ursprung der Stimmen, und wo der wohl zu finden sei, meint sie: "Das sagen se nich."
Die Vermutung, die Stimmen könnten traumähnliche Gebilde sein und letzten Endes aus den eigenen Gedanken stammen, wird als unwahrscheinlich abgetan; sie habe die Stimmen stets als fremd empfunden.
Inhaltlich sei, was ihr die Stimmen sagten, meist gutmütiges Geschwätz, Alltagegerede, manchmal auch bedrohlich, etwa, wenn ihr die Stimmen prophezeiten, sie müsse für immer in der Anstalt bleiben, weil sie draußen keine Stellung bekommen könne.

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PATIENT B

Zur Familienanammese des 1923 geborenen Pat. ist zu sagen, daß seine Mutter in den letzten Jahren vor ihrem Tode (sie wurde 69 J. alt) zweimal in Grafenberg gewesen ist. Der Pat. besuchte die Volksschule bis zur 5ten Klasse. Beruflich war er zuletzt als Schrotthändler tätig. Er war verheiratet und hatte, bevor die Ehe geschieden wurde, 2 Kinder.
1955 suchte er zum erstenmal das LKH/Gr. auf. Seitdem wurden immer wieder Aufenthalte in geschlossenen Anstalten nötig, aus denen er mehrere Male ausgebrochen ist. 1963 hat man ihn wegen chronischer, unheilbarer Schizophrenie entmündigt. z. Zt. lebt er im LKH/Gr.
Wie übrigens auch Pat. A., nennt er auf die Frage, wann und wie die Stimmen zum erstenmal aufgetreten seien, den Zeitpunkt, von dem an die Stimmen ihn nicht mehr verliessen. Fragt man beharrlich weiter, erfährt man, daß er auch davor schon Stimmen gehört habe, aber "die auf 2b (= Station) hatten sie wieder weggemacht." Dann, in N. (einer auswärtigen Anstalt), seien ihm Stimmen (vermutlich von Widersachern) "in den Kopf gesetzt" worden. Daß man sie dort nicht mehr "weggekriegt" hat, kommentiert er resigniert: "Das war doch leichtsinnig von denen." Die Stimmen sitzen, wie er meint, in seinem Kopf, doch unterscheidet er sie von "normalen" Stimmen nicht durch die Art der Lokalisation, vielmehr räumt er nach eingehenden Fragen ein, daß schon Verwechslungen vorgekommen seien: er glaubte sich angerufen und erst, als er nachsah, merkte er die Täuschung. Im übrigen "sieht man ja, wenn jemand spricht", während, was Lautstärke und Deutlichkeit betreffe, die "Stimmen" dem wirklich Gesagten nicht nachstünden.
Er höre die Stimmen Tag und Nacht gleich häufig und laut. Es spricht immer nur eine Stimme. Ein Unterscheidungsmerkmal zwischen "Stimmen" und wirklichen Reden sei auch der Inhalt des Gesagten. Bei einer Stimme z. B. merkt er an Klang, Aussprache usw. sofort: das ist meine Frau. Aber er meint, daß sie sich "verstellt". Früher, als sie noch miteinander verheiratet waren, sei sie nämlich nicht so frech gewesen, wie jetzt als Stimme.
Seine Stimmen sind ganz allgemein sehr unangenehm und bedrohlich. Ob sie ihm nun vorhalten, er werde die Anstalt nie mehr verlassen dürfen ("Noch 28 J., dann schaffen wir dich auf den Friedhof"), ob der Direktor der Anstalt (den er nur von einer Visite her kennt, aber häufig hört, ebenso wie den Prof. aus der Anstalt in N.) seine Kinder umbringen will, oder ob man ein Eisenbabnunglück prophezeit, bei dem seine Kinder umkommen sollen: er ist stets sehr betroffen vom Inhalt des Gesagten und schimpft häufig mit den Stimmen.
Die Stimmen greifen auch sonst unangenehm in sein Leben ein, etwa, indem sie ihm böse Träume schicken. Die Frage, ob Stimmen und Träume ähnlich, wenn nicht das gleiche sein könnten, verneint der Pat.: die Träume seien, wenn sie nicht gerade von den Stimmen gemacht würden, ja schön, die Stimmen dagegen seien unangenehm.

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PATIENT C

Von dem heute 39jährigen Pat. erfahren wir, daß ein Bruder der Mutter, der während des Krieges angebl. in einem KZ gestorben sei, unter Verfolgungswahn gelitten habe. Nach den Angaben seiner Mutter habe er selbst sich als Kind normal entwickelt. In der Volksschule ist er einmal sitzengeblieben. Nach der Schulzeit 1/2 J. Dreherlehre, dann Firmenwechsel und Tätigkeit als Hilfsarbeiter in Metallindustrie und Landwirtschaft. Zuletzt war er 10 J. lang als Hilfsdreher bei der gleichen Fabrik beschäftigt.

Seine Mutter beschreibt ihm als "sehr gerecht und ernstnehmend, fast schwermütig." Die Mädchen z. B. "laufen ihm nach. Aber er wollte nicht die erste beste, machte sich über alles Gedanken."
1959, vor seiner ersten Einweisung ins LKH/Gr. hat er seiner Varizen wegen 4 Wochen krank gefeiert. In dieser Zeit habe er dauernd in philosophischen Werken und Lexika gelesen. Nachts sei er damals mehrfach auf die Straße gelaufen, weil er meinte "was gehört" zu haben. Er fürchtete, von einer Sekte hypnotisiert zu werden. Die Krise schließlich wird im Krankenbericht ausführlich beschrieben:
"Am 1. 4. gearbeitet. Kam abends mit dem Rad zurück. Nachts aufgestanden, ruhig auf dem Sofa gesessen, "ich bin am Denken", aufgeblieben. Wollte um 13.45 Uhr zur Arbeit gehen, brachte es nicht fertig, blieb im Bademantel sitzen, war "wieder am Denken", lief dann öfter rum, als wenn er was gehört hätte, kam wieder ins Haus, nicht ins Bett gegangen, kam dann die Treppe rauf: "Ich kann nicht mehr", bekam "Weinanfälle."
Er selbst gab zu Protokoll, daß er in jenen Tagen Männerund Frauenstimmen von Verwandten und Bekannten gehört habe, die in Rede und Gegenrede mit ihm sprachen und ihm manchmal beschimpften. Er habe sich nicht dagegen wehren können, habe immer grübeln müssen, ob so etwas überhaupt möglich sei. Zuweilen hätten die Stimmen Körpermißempfindungen verursacht, so habe er einmal genau gespürt, wie ihm die Stimmen (um seinen Onkel vor dem Sterben zu retten) einen Teil des Rückenmarks weggezogen hätten.
Im Verlauf der Krankheit - 1962 erfolgte die Entmündigung wegen einer "chronischen, schizophrenen Psychose" - behalten die Stimmen ihren düsteren, bedrohlichen Charakter. Wie aus einem Lautsprecher habe es etwa vor einer Einweisung aus der Zimmerecke gerufen: "Du mußt nach Grafenberg, du wirst sterben." In einer anderen Zwischenanamhese lesen wir, die Stimmen (wiederum von bekannten Personen) beschimpften seinen Vater als Hurenbock, ihm selbst als Nonmenschänder und drohten seinem Leichnam homosexuelle Mißhandlungen an. Empört meinte er, man habe ihm gequält und seine Seele durch den Dreck gezogen. Vergeblich habe er die Stimmen gebeten, ihm in Frieden zu lassen. Die Stimmen hätten ihm auch gezwungen, unmäßig zu onanieren. Zuweilen sagten ihm die Stimmen er sei Jesus, doch glaubte er das nicht so recht; Jesus sei doch wohl einmalig gewesen. Vor allem bilde er sich nichts darauf ein, er wünsche nur seine Ruhe. Dem damaligen Ref. versuchte er darzulegen, daß die Stimmen existent und keine Einbildung seien und hat Einwände nur zögernd aufgenommen.

In der bisher jüngsten Zwischenanannese heißt es, er habe sich damit abgefunden, wenn seine Mutter gestorben sei, hier in der Anstalt den Rest seines Lebens zu verbringen. Am 13. 3. 67 gibt er an, er habe gestern zuletzt.Stimmen gehört. Sie sagten, er solle zerfetzt, zerstückelt werden. Es seien ungefähr 6 bis 7 unbekannte männliche Stimmen gewesen, die durcheinander gesprochen hätten. Wieso er dabei alles verstanden hätte, könne er auch nicht sagen.

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Er hört die ziemlich leisen Stimmen von der Zimmerdecke sprechen, oder, wenn er sich das Ohr zuhalte, aus dem Ohr.

Die Stimmen kämen tagsüber und nachts gleich häufig.

(Wie Traum?) "Ist nicht wie im Traum, das sind Leute, die das machen."
(Wieso nicht?) "Ich bin doch vollständig nüchtern (=wach) und hör die Stimmen,"
(Erstesmal?) (Er erinnert sich sofort an 1959, wird sichtlich aufgeregt) "Ich bin nachts auf einmal wachgeworden und hörte die Stimmen. "Wo hast du deine Rasputina gelassen?, du bist ein Philosoph."

Es seien 2 mittellaute Stimmen gewesen, die seiner Tante und seiner Kousine angehört hätten. Die Stimmen seien aus dem Garten gekommen. Damals habe er sich das Ganze gar nicht erklären können. Er habe gedacht, er hätte sich das eingebildet, sei krank. Erst 1962 sei er dahintergekommen, daß Leute ihm die Stimmen mit Apparaten machten. Anders sei das ja gar nicht erklärlich; er sei ja wach und höre die Stimmen.
(Welche Leute?) "Meine Tanten."
(Warum) "Aus Lust am Quälen."
(Was für Apparate?) "Weiß ich nicht."
Als noch einmal die Sprache darauf gebracht wird, wie er die Stimmen zum erstenmal gehört hat, sagt er plötzlich spontan: "Da war ich im Traumzustand, da war ich wie im Traum. Ich wurde auf einmal wach und hörte die Stimmen, da war ich im Traumzustand." Er habe nicht anders gekonnt, als sich mit den Stimmen zu unterhalten; er habe gar nicht mehr auf seine Umgebung geachtet. Er kann sich nicht erklären, wieso er unter einem solchen Zwang gestanden habe.

PATIENT D

Die Pat. wurde als Kind wohlhabender Eltern (sie besaßen einen Gasthof uud eine Fleischerei) 1930 in Ostdeutschland geboren. Ihrem Bruder und der Pat. "sei es in ihrer Jugend recht gut gegangen."
1945, beim Einmarsch der Russen, wurden sie und ihre Mutter von Russen. vergewaltigt. Beide wurden anschließend geschlechtskrank, ihre Mutter starb an den Folgen. (Noch in den 6Oiger Jahren berichtet die Pat. einem Arzt, sie würde nachts von bösen Träumen heimgesucht, an die sie sich ungern erinnere; als Beispiel wird ein "Hunnensturn" erwähnt.)
1/2 J. später starb auch der Vater und sie zog mit ihrem Bruder zu Verwandten in den Westen Deutschlands. Hier machte sie eine kaufmännische Lehre durch, während der sie Verbindung zu den "Zeugen Jehovas" aufnahm. Als sie bei dem Versuch ihre Familienangehörigen zu bekehren, auf Ablehnung stieß, löste sie sich von diesen, um in der Ge~ meinschaft der "Jehova-Zeugen" zu leben.
Ihre Tätigkeit als kaufmännische Angestellte gab sie auf und beschäftigte sich seit 1954 als Hausgehilfin. 1960 hat die Pat. eine Stellung in einer Familie, in der sie sich vorher jahrelang wohlgefühlt hat, plötzlich grundlos aufgegeben. Im gleichen Jahr soll sie auch wegen eigenwilliger Auslegung von Bibeltexten und Missionierung auf eigene Faust Schwierigkeiten mit ihrer Glaubensgemeinschaft gehabt haben. Eines Tages nun sei sie, die sonst wiederholt als "gepflegt" beschrieben wird, in völlig verwahrlosten Zustand. "apathisch" auf der Straße aufgegriffen worden. Unter dem Einfluß ihres Bruders sei Sie dann wieder ruhiger geworden.
1961, nachdem sie auf Befehl der "Stimme ihres himmlischen Vaters" sich in selbstmörderischer Absicht mit einem Obstmesser Schnitte in den linken Unterarm beigebracht

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hatte, wurde sie zum erstenmal in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Nach wiederholten weiteren Einweisungen (unter anderem auf einen erneuten Suicidversuch hin) ist die endgültige Diagnose - Schizophrenie -gesichert. Unter den Symptomen der Pat. stehen sog. "Stimmenphänomene" im Vordergrund.
Es fällt der Pat. heute, 1967, gar nicht so leicht, exakte Angaben über diese "Stimmenphänomene" zu machen. Es seien Worte, die sie "nicht akustisch, sondern endogen" höre. Sie höre die "Formulierungen" nicht laut, erfasse aber die Eigenart der betreffenden "Stimme", mit der sie sich jeweils unterhalte. Es sei, wie wenn jemand in ihren Mund eindränge und diesen benutze, um sich verständlich zu machen. Sie habe ein Gefühl, als ob die betreffende Person ihre (der Pat.) Lippen bewege, um damit zu sprechen. (Ebenso benutze z. B. jemand anders ihr (der Pat.) Gesicht und verziehe es, um damit zu lachen.)
(Wer?) Es handle sich um 3 ihr bekannte männliche Personen, einer sei "sehr aktiv", einer von mittlerer Aktivität und der dritte sei schweigsam. Der Aktive sei ein Filmstar, den sie nur von der Leinwand her kenne.
(Was?) Sie möchte die Themen der Unterhaltungen lieber für sich behalten. Schließlich gibt sie großzügig preis, daß 1963 der Filmstar eine Unterhaltung mit den Worten begonnen hätte: "Na Schönste?" Anschließend sei ein Gespräch über die heutige Zeit gefolgt, das die Pat. als "wunderbar" bezeichmet. (z. B. Erklärungen wie: "Rädchen im Getriebe des Ganzen.") z. Zt. "höre", bzw. nehme sie nur noch Worte auf wie: "Mut", oder "Vernunft". Der Gedanke, daß diese "Stimmenphänomene" aus der eigenen Phantasie stammen könnten, sei ihr zwar gekommen, aber von ihr wieder verworfen worden, weil die Formulierungen zu "konkret" waren. z. Teil waren es "Sachen, über die ich schon jahrelang nachgedacht hatte, aber Formulierungen, auf die ich selbst nie gekommen wäre." Während der Unterhaltung meint sie auf einmal: "Was würden sie aber (therapeutisch) machen, wenn ich diese Stimmen gar nicht loswerden will?" Die Stimmen träten nämlich vor allem dann auf, wenn sie sich in einer Notlage befände, etwa "obdachlos auf der Straße liege", und sie empfände es dann als angenehm, wenn die "Stimmen" um sie seien und sie somit nicht "so allein" sei.
Z. Zt. seien die "Phänomene" tagsüber am stärksten. Früher (bis 1964) dagegen sei sie nachts von den "Stimmen" geweckt worden.
Sie empfinde die Stimmen manchmal als angenehm und manchmal als aufwühlend.
Der Gedanke, daß diese Phänomene eine Abart von Träumen sein könnten, wird zunächst verneint: "Was meinen Sie, wie ich gegen Schwester Ilse rennen würde, wenn ich träumte." Unvermittelt aber gibt sie zu: "Jedesmal, wenn diese Stimmen wieder weg waren, hab ich gedacht: Menschenskind, haste das nun geträumt, biste verrückt geworden, oder was war los mit dir?"

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PATIENT E

Die Patientin wurde 1907 als "Siebenmonatskind" geboren. Bis auf ihren Sohn aus erster Ehe, der sich mit 26 J. das Leben genommen habe, sei die F. A. unauffällig.
Ihre eigene frühkindliche Entwicklung sei normal verlaufen. Nach 8 V. S.-Jahren und einer abgeschlossenen kaufmännischen Lehre sei sie schließlich beim Sozialamt tätig gewesen. 1958, als ihr Erwerbsunfähigkeit bescheinigt wurde (sie hat unter anderem siebenmal die Gelbsucht gehabt), habe man ihr 27 J. Arbeit für die Rente angerechmet. Ihre Unterschriftsbefugnis sei bis 100 000 DM gegangen.
1929 habe sie zum erstenmal geheiratet. Diese Ehe sei 1937 (durch die Schuld des Mannes) geschieden worden. 1956 habe sie sich mit ihrem jetzigen Mann verheiratet.

Schon 1966 sei sie für 3 Wochen in der Nervenklinik von K. behandelt worden. Warum im einzelnen die Einweisung erfolgte, weiß sie heute nicht mehr genau zu sagen. In diesem Jahr wurde sie ins LKH/Gr. eingeliefert, weil sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie habe "es nicht mehr ertragen können". Bevor sie den Gashahn aufdrehte, hat sie noch einen Freund ihres Mannes angerufen und sich von diesem verabschiedet, als er auf ihre Frage verneinte, daß ihr Mann bei ihm sei.
Sie fühlt sich durch ihre Nachbarn auf verschiedene Weise verfolgt (so werde sie unter anderem auch schon mal unter Strom gesetzt), aber das Schlimmste sind doch wohl die Reden, die diese Leute über ihre Person führten. Die Stimmen begönnen immer abends, gegen 21.30 Uhr, laut zu werden und dauerten bis S oder 6 Uhr morgens an. Es seien laute Stimmen, eine richtige Schreierei, sie werde manchmal nachts davon wach. Die Stimmen drängen durchs Schlafzimmerfenster; bei geschlossenem Fenster ebenso laut wie bei geöffnetem.
Meist seien es 2 Stimmen, die von ihren Nachbarn zur Rechten und die von einem Nachbarn schräg gegenüber, die sich über die Straße einander die einzelnen Sätze zuschrien. Zwischendurch schalteten sich auch mal andere Nachbarn ein, doch rede jeder für sich, es herrsche kein allgemeines Durcheinander.
(Inhalt?) "Alte Hure, die alte Sau." Die Pat. beginnt zu weinen, meint, sie könne die Scheußlichkeiten gar nicht alle wiedergeben. Sätze wie: "Die Alte kriegen wir kaputt, die Alte machen wir kaputt", seien ebenso alltäglich wie: "Der Mann kann bleiben, die Frau muß weg."
Sie sei einmal ans Fenster gegangen, habe aber draußen niemanden gesehen. Sie habe aber ganz genau gehört, wie ihre Nachbarn geschrien hätten: "Die muß nach Grafenberg!", und ein anderer Nachbar darauf schräg über die Straße erwiderte: "Da hol ich sie wieder raus."
Auch zunächst scheinbar Unbeteiligte erweisen sich unversehens als ihre Widersacher. So hätten sie einmal mit einem Mieter, der "wie ein Kind im Hause war", zusammen beim Fernsehen gesessen, als sie von der Straße her Stimmen hörte ("Man spricht von einer Untergrundbewegung", meint sie erklärend.) "Heute abend kommt der heilige Geist, da wird sie umgebracht," hieß es. Darauf habe der Mieter "ja, in Ordnung" gesagt. Das habe ihr genügt. Sie habe ihren Fernseher abgestellt und dem Mieter fristlos gekündigt. Daß er sich nicht gewehrt habe, war ihr ein weiterer Beweis dafür, daß er mit ihren Widersachern unter einer Decke steckte. Habe der Mieter auch vorher stets geleugnet, irgendwelche Stimmen zu hören, so müsse er sie an dem Abend doch gehört haben, er habe ihnen ja mit "ja, in Ordnung" geantwortet.
(Ihr Mann?) Ihr Mann sei schwerhörig, der höre das nicht. Sie weint wieder. Das Schlimmste sei, daß alle

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so täten, als existierten die Stimmen und Verfolgungen nicht. Alle versuchten, sie zu beruhigen, als sei nichts geschehen und sie wäre verrückt. Diese Ungewißheit könne sie nicht ertragen. Die Wahrheit wäre ihr lieber. Sie ist mit ihren 60 J. fest entschlossen - denn sie kann so wie jetzt nicht mehr weiterleben - ihr Haus zu verlassen und fern von hier ein Einzelhaus zu bauen. Damit sei auch ihr Mann einverstanden.
(eigene Gedanken?) Nein, nein, das seien Tatsachen. Schließlich höre sie doch hier in der Klinik nichts.
(Träume?) "Ja das ist etwas anderes, da schlaf ich doch."

PATIENT F

Der 1937 geb. Pat. ist nach Gerichtsbeschluß wegen Schizophrenie in einer geschlossenen Anstalt untergebracht. Seine F. A. ist angeblich unauffällig. Er selbst sei in der V. S. zweimal sitzengeblieben und mit 13 J. aus der 5ten Klasse abgegangen. Anschließend habe er in der Landwirtschaft gearbeitet. Mit 19 J. ging er aus der Zone nach Westdeutschland. Hier hat er zuletzt als Maschinist in einer Glashütte gearbeitet. Aus der vegetativen Anamnese verdient hervorgehoben zu werden, daß er zwei- bis dreimal wöchentlich 10 bis 15 Glas Bier, sonst 2 Flaschen pro Abend getrunken habe. Er sei "öfters blau gewesen". Der Pat. wurde am 28. 12. 66 von der Polizei ins LKH/Gr. gebracht, weil er in seinem Zimmer Bett und Sessel angezündet hatte. Bei der Aufnahme war er ängstlich, gespannt und fühlte sich noch verfolgt. Er glaubte, 4 seiner Arbeitskollegen wollten ihn umbringen. Einige Sätze aus der Krankengeschichte veranschaulichen, was ihn dazu brachte, sein Bett anzuzünden: "Als Pat. im Bett lag, hörte er vor dem Fenster Stimmen: "Jetzt macht er das, jetzt das ... Peter, hier ist der Wagenschlüssel, hol die Pistole, den machen wir jetzt kalt. " Wenn Pat. Fenster aufmachte, war die Leiter weg, Arbeitskollegen seien hinter der Hausecke unsichtbar gewesen. Er habe sie aber an den Stimmen erkannt. ... Leiter wurde wieder angestellt. Pat.: "Laßt mich in Ruhe, sonst zünde ich das Bett an." "Legen wir um, machen ihn kalt." Pat.: "Wenn ihr mich umbringen wollt, müßt ihr früher aufstehn." Hans und Peter erschienen auf der Leiter - Pat. zündete Bett an." Dem Ref. erzählt der Pat., er habe am 28. 12. 66 morgens

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gegen 8.00 oder 9.00 Uhr zum erstenmal Stimmen ("ganz schön laut", lauter als Sprechstimmen) gehört. (Das stimmt mit der Krankengeschichte nicht überein, derzufolge der Pat. schon vorher, an seinem Arbeitsplatz, akustische Halluzinationen gehabt hat. Vermutlich hat er diese Trugwahrnehmungen für Wirklichkeit gehalten.)
Von den Stimmen am 28. 12. scheint er sich zunächst vorsichtig zu distanzieren; In seiner Angst habe er sie zu hören geglaubt.
(Herkunft der Stimmen?) Darüber habe er sich keine Gedanken gemacht, er habe sie eben für Wirklichkeit gehalten. Darnach habe er nie wieder Stimmen gehört. Er fühle sich auch nicht mehr verfolgt, habe keine Angst mehr und glaube nicht mehr, daß die Stimmen wirklich da waren.
(Eigene Gedanken?) "Nee, nee, das waren keine eigenenen Gedanken", die Stimmen (= Gedanken) seien von außen in ihn eingesetzt worden. (?): Das hätten die ihm gesagt.
(Wie Traum?) "Nee, nee, dat war so." Er habe die Tatsachen mit eigenen Augen gesehn.

PATIENT G

Der jetzt 40jährige Pat. gibt an, ihm sei eine familiäre Belastung nicht bekannt.
Er stamme aus Ostpreußen, habe die V. S. besucht und darnach auf dem elterlichen Bauernhof gearbeitet. Er sei Soldat gewesen und habe sich nach dem Kriege bis 1958 als Landarbeiter durchgeschlagen. Dann habe er in einer Fabrik gearbeitet, um mehr zu verdienen. 1965 wurde er zum erstenmal im LKH/Gr. behandelt, ca. 1 J. später ein zweites Mal und kam im gleichen Jahr, 1966, zum drittenmal ins Rheinische LKH.
z. Zt. läuft ein Entmündigungsverfahren.
Der Pat. erinnert sich noch, wie er zum erstenmal Stimmen hörte: es war nachts, er sei aber hellwach gewesen, als er die Stimme hörte. Es war eine angenehme Frauenstimme. die gesagt habe: "Du brauchst nichts mehr zu tun, du brauchst nur noch zu beten." Er habe sich über die Stimme gefreut. Es sei eine laute, verständliche Stimme in Kopfnähe gewesen. Er habe sich über das Phänomen wohl gewundert, doch hätte er keine Erklärung dafür gehabt und sei wieder eingeschlafen.
Die Stimme hätte im übrigen außer den angeführten Worten nichts weiter gesagt; auch in der nächsten Zeit habe er nichts derartiges mehr erlebt.
1/2 J. später hörte er wieder Stimmen: nachts (er konnte zu der Zeit nicht gut schlafen), wenn er auf's Einschlafen wartete, oder aufgewacht war. Er berichtet detailliert, wie es dieses Mal anfing: eine unbekannte, männhohe Stimme, laut und deutlich wie irgendein beliebiges Gegenüber, habe in seinem Kopf zu sprechen begonnen. Die Stimme habe angefragt, ob sie von nun an bei dem Pat. bleiben dürfe. Da sie von der "guten Seite" kam, habe er eingewilligt.
(gute Seite?) "Hat mich nicht beschimpft und so."

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"Die Stimme hatte auch einen angenehmen Klang."
Die Stimme habe ihn von der Arbeit abgehalten, weil sie inner geredet habe und er darauf hören mußte. Als er sich einmal einem erneuten Stellungswechsel widersetzte, den der Geist befahl (= dessen Stimme spricht), habe er ihm einen "Drehschwindel" geschickt, sodaß er deshalb die Stelle kündigen mußte.
(Drehschwindel?) "Das waren so Wutanfälle"; der Raum habe sich nicht um ihn gedreht - er könne es nicht erklären.
Wenn ein Anlaß war, das heißt, wenn er versuchte, den Stimmen gegenüber seinen eigenen Willen durchzusetzen, haben sie ihn beschimpft: "Hund, blöder. Ratte." Zunächst war es immer dieselbe Stimme. Später kamen auch andere (unbekannte Männer- und Frauenstimmen) dazu. Das sei solange gegangen, bis er hier Medikamente bekommen habe.
Über das, was die Stimmen sprachen, mag sich der Pat. nicht so recht auslassen. Manchmal hätten sie ihn "Verbrecher" tituliert, dann hätten sie ihm eine andere Rolle zugewiesen. Sie hätten eben phantasiert. Häufig sei das, was sie sagten, einfach "Kitsch" gewesen, über den der Pat., etwas verschämt, keine Auskunft gibt. Während der Ref. die Angaben des Pat. niederschreibt, gibt dieser an, die Stimme habe sich gerade wieder gemeldet: "Verbrecher, du wirst es bereuen, daß du so munter drauflosplapperst." Als der Ref. den Pat. bat, zu sagen, wenn die Stimme sich wieder melden sollte, stimmte er anscheinend belustigt zu, denn eben habe die Stimme ja gesagt: "Ja, abgemacht."
Doch mehr als den Satz: "Du sollst nicht soviel fressen", während der Pat. gerade sein Kaffeebrot verzehrte, gab die Stimme bei dieser Exploration nicht mehr von sich. Dennoch zeigte der Pat. sich verwundert: die Stimme habe seit langem nicht mehr soviel geredet wie jetzt; in der letzten Zeit höre er nur noch einzelne Worte wie "Dummkopf!", in seinem Kopf laut werden. Was die Häufigkeit des Stimmenlautwerdens angehe, sei nun kein Unterschied zwischen Tag und Nacht mehr festzustellen. (Eigene Gedanken?) Das seien keine eigenen Gedanken, die höre er ja nicht. Auf die Frage, ob es abgespaltene Gedanken sein könnten, die sich selbständig gemacht hätten, meint er: "Sie müssen's ja wissen, sie sind ja Arzt." Er konzediert später immerhin, daß es "so etwas" sein könne. Die Frage, ob die Stimmen den Erscheinungen gleichen könnten, an die wir beim Träumen glauben, beantwortet er nicht direkt: "Ja, das ist seltsam. Seit ich die Stimmen höre, träume ich ganz anders." (Wieso?) "Ja, früher, da wußte ich, wenn ich wachwurde, immer gleich: ich habe geträumt. Jetzt muß ich immer erst eine Weile nachdenken. Zuerst halte ich immer den Traum für Wahrheit; es dauert jetzt eine Weile, bis ich merke, was Traum, was Wirklichkeit ist."

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PATIENT H

Die Verwertung der Angaben dieses Pat. wird dadurch kompliziert, daß er nahezu völlig blind ist und mit Mühe Hell-Dunkel, nicht aber Konturen zu unterscheiden vermag. So nennt er selbst auf die Frage nach "Stimmen, deren Urheber nicht zu erkennen sei", diese Stimmen spontan: "Klangstimmen", oder "Flüsterphänomene" und meint, er habe sie immer klar von den normalen Stimmen unterschieden. Doch aus der Krankengeschichte ersehen wir, daß er glaubte, am Arbeitsplatz wortwörtlich Gespräche wieder zu hören, die am Abend zuvor in seinem Familienkreise geführt worden seien. Das sei für "diese Leute" eine Liebhaberei, für ihm aber eine Blamage, wenn seine Geheimnisse an dieÖffentlichkeit kämen.
Auf diesen Trugwahrnehmungen baut der Pat. ein ganzes Wahnsystem auf: Mieter aus dem oberen Stockwerk hätten in seiner Wohnung Mikrophone installiert, mit denen sie ihn abhörten. Mit den Jahren wird das Wahnsystem immer reichhaltiger an konkreten Erklärungen: "Ich war Lehrmittelobjekt, alles wurde beobachtet. ... Die wollen meine Augen genau untersuchen. Weil ich soviel schaffe, daß die nicht glauben, daß ich sowenig sehe." Außerdem glaubt er bestrahlt zu werden. Dort, wo die Strahlen ihn träfen, vorwiegend in der Muskulatur, fühle er ein regelrechtes Zwicken. In der letzten Zeit sei besonders der Hinterkopf bestrahlt worden, das sei sehr schmerzhaft gewesen.

Unser Pat. ist ein 63jähriger Mann, in dessen Familie keine Nerven- oder Geisteskrankheiten bekannt sind. In seinem 4ten Lebensjahr sei er über Nacht erblindet. Er habe die Blindenschule besucht, sei niemals sitzengeblieben. Bis 1949 habe er den Beruf eines Bürstenmachers und Stuhlflechters ausgeübt. Ab 1952 sei er in einer Seifenfabrik tätig gewesen. Dez. 1964 habe er die Stelle aufgegeben wegen Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule, die sich vorwiegend am Nacken schmerzhaft bemerkbar machten. Er erhält eine Rente. Seit 1929 ist der Pat. verheiratet; er hat 3 gesunde Kinder.
Aus der Anamnese sind weiterhin für uns interessant eine Kyphoskoliose der WS und Asthmaanfälle, an denen der Pat. bereits seit seiner Kindheit leidet. Im LKH/Gr. befindet er sich nach mehrwöchiger Behandlung im Jahre 1965 jetzt seit März 1967 zum zweitenmal. Zu seinen "Flüsterphänomenen" gibt der Pat. folgende Auskunft: Wie es angefangen habe, daran könne er sich nicht mehr so genau erinnern, aber die "Klangstimmen" waren "am besten morgens beim Erwachen." Es sei gewesen, wie wenn eine Stimme gesagt habe: "Der war es", und dann ihm bekannte Namen genannt habe. Die Herkunft der Stimmen glaubte er jetzt genau zu kennen: Wenn die Mikrophone, die man in seiner Wohnung installiert habe, aus Versehen falsch rum geschaltet seien, wirkten die Aufnahmegeräte als Lautsprecher. So habe er den Mieter oben einmal laut: "Was willst du denn?", rufen hören. Vermutlich habe der ihn gerade abhören wollen und sei dabei von seiner Frau gestört worden. (Wie eigene Gedanken?)Sofort meint er: "Kann sein, aber nicht immer", später: "Selbstredend, das Grübeln." (Wie Träume?) "Ja, nur." Er nehme an, daß diese "Souffleurstimmen" (die übrigens klingend, nicht flüsternd seien) der "Ausklang von Träumen" gewesen seien, denn er habe Sie nie gehört, wenn er eine Zeitlang wach gewesen sei, sondern nur nach Schlaf. Am besten, wie gesagt, habe er sie des Morgens beim Erwachen gehört, aber er hörte sie auch, wenn er tagsüber nach festem Schlaf erwacht sei; das habe er beobachtet.

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Ist bei diesen "Klangstimmen" die Einsicht des Pat. in ihren psychogenen Ursprung wohl vorhanden, so hält er doch zäh daran fest, daß die Stimme des Nachbarn ("Was willst du denn?"), die er über offene Fenster oder auf ähnlich natürliche Weise angeblich nicht gehört haben kann, ihm durch Lautsprecher übermittelt worden sei. Das "könne er beweisen." Die Verbindung mit eigenen Gedanken oder die Annahme eines traumähnlichen Phänomens lehnt er ab. Es sei abends gegen 24.00 Uhr, nach dem Fernsehprogramm gewesen, und er gehe ja nicht schlafend zu Bett.
Wie schon zu Anfang betont, wird der Nachweis von Stimmen als Halluzinationen bei diesem Kranken durch sein Augenleiden erschwert, wenn es sich nicht um von ihm selbst als psychogen erkannte Phänomene, wie die "Souffleurstimmen" handelt. So meint er heute von den Gesprächen am Arbeitsplatz, bei denen intime Familienangelegenheiten herausposaunt worden seien: er habe nicht die ganzen Gespräche aufmerksam verfolgt, sondern wie ein Schauspieler (er sei im übrigen kein bißchen ein Komödiant) sein "Stichwort" abgewartet, wie: "1926, da hat er dies und das gemacht," um diese "Stichwörter" dann in seinem Sinne zu verwenden.

PATIENT I

Eine Kousine der 1923 geb. Pat. starb in einer psychiatrischen Anstalt; eine Tante soll in hohem Alter verwirrt gewesen sein. Der Vater der Pat. wird als eigenartig geschildert: er habe sich oft tagelang eingeschlossen. Auch eine Schwester der Pat., die "gern allein gewesen" sei, habe sich tagelang eingeschlossen.
Die Pat., die als jüngstes von 4 Kindern aufwuchs, habe nach einer normalen Geburt eine unauffällige frühkindliche Entwicklung durchgemacht. In der V. 5. habe sie sehr gut gelernt. Sie selbst ergänzt zur Anamnese, daß sie als Kind immer nur Verfolgungsträume gehabt habe. Nach der Schule habe sie 5 Jahre in einer Haushaltsetelle gearbeitet. Darnach habe sie eine Kinderpflegerinnen- und anschließend eine Kindergärtnerinnenschule besucht und beide Examen gut bestanden. Im Anschluß daran habe sie, besonders in der letzten Zeit, häufig die Stelle gewechselt. Einmal fühlte sie sich von ihrem Arbeitgeber verfolgt, dann glaubte sie, und glaubte es bei jeder neuen Stelle immer wieder, "jeder wolle ihr was." In ihrem eigentlichen Beruf hat die Pat. zuletzt 1963 gearbeitet, darnach wechselte sie über Haushaltsetellen zu Fabrikarbeit, um schließlich auch diese aufzugeben.
Schon seit Jahren angebl. psychisch auffällig, redete in der Folgezeit die Pat. laut vor sich hin, führte Selbstgespräche, gab auf etwas Antwort, was im Radio gesagt wurde, schimpfte laut, glaubte, das Essen sei vergiftet, glaubte Merkwürdiges zu schmecken, meinte, sie würde bestrahlt. Elektrizität sei in der Luft und Giftstoffe. Räuberbanden verfolgten sie. Meinte dann wieder, Flugzeuge seien ausgesetzt, um sie extra zu bewachen. Glaubte jemanden am Fenster zu sehn, ging hin, sprach hinaus, Ohne daß jemand zu sehn war. Zweimal sei sie nachts weggelaufen und von der Polizei zurückgebracht worden. Einmal

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habe sie bei der Polizei angegeben, im Kinderheim A, sei eine Gaskammer. In der Krankengeschichte der Pat., die wegen ihrer chronischschizophrenen Psychose nun schon zum 5ten Mal in einer psychiatrischen Anstalt behandelt wird, ist während akuter Exazerbationen mehrmals von einem Defektzustand die Rede.
Jetzt, nach einem solchen Schub, überrascht die Pat. durch ihre Krankheitseinsicht und ihr unauffälliges Auftreten. Zwar glaubt die Pat., sie sei in ihrer körperlichen und intellektuellen Leistungsfähigkeit durch die Krankheit geschwächt worden (es gelinge ihr beispielsweise im Augenblick nur mit Mühe, P. S. Buck zu lesen, während sie Bergengruen etwa oder Claudel schon nicht mehr erfassen könne), doch bedenkt man, daß ihr Vater Hilfsarbeiter war und sie selbst nur die V. 5. besucht hat, dann erscheint nicht ihre augenblickliche Konzentrationsschwäche, sondern ihr zähes Festhalten an einem selbst erarbeiteten Bildungsniveau bemerkenswert. Ebenso kritisch wie interessant sind auch die Beobachtungen, die sie uns über ihre "Schübe" mitteilt: Der Schub setze von einer Minute zur andern ein. Meist komme er halbjährlich, im Frühjahr und Herbst; nur beim letztennal habe er bereits nach einem Vierteljahr eingesetzt. Wenn der Schub beginnt, fühle sie sich so gesund, daß sie dann keine Medikamente mehr einnehme. Auch in ihrer Leistungsfähigkeit glaubt sie sich gesteigert und Galle-, Magen- und Kopfbeschwerden ließen nach. Eines Tages, ganz plötzlich, weiß sie: "Jetzt ist der Schub zu Ende, du bist krank gewesen." Sie habe dann volle Krankheitseinsicht und sie wundere sich, daß diese Einsicht, wenn ein neuer Schub einsetze, wieder völlig verlorengehe. Sie erkenne dann nicht, daß sie krank sei und habe "überhaupt keine Urteilsfähigkeit über jegliches, was es überhaupt gibt."
Wir versagen es uns, auf ihre Erlebnisse während des Schubes, wie Weltuntergangsstimmungen, die sich bis zu apokalyptischen Visionen verdichten können, näher einzugehen, doch möchten wir eine Beobachtung hervorheben, die sie über die inhaltlichen Themen während des Schubes in formaler Hinsicht machte:
Im Anfang sei jeder Schub anders gewesen, später knüpfte sie im neuen Schub an Themen des alten an. Merkwürdig sei, daß Dinge, die sie in der wahnfreien Zwischenzeit völlig vergessen habe, "dann wieder da" seien. Im neuen baue sie Themen des alten Schubes aus. Sie wisse auch, daß sie auf vieles aus dem letzten Schub, das sie jetzt schon vergessen habe, "beim nächsten unbedingt wiederzurückkommen‘ werde. Übrigens träume sie zur Zeit, obwohl wach völlig klar, noch psychotische Themen: sie werde bestrahlt usw.
Sieht man davon ab, daß sie im akuten Zustand sich in Gedanken mit jedem, der kommt, unterhält und dabei nicht nur meint, es würden ihre Gedanken von dem anderen verstanden, sondern auch daraufhin als fremd empfundene Antworten zu bekommen glaubt, dann hat sie bisher erst einmal eine akustische Halluzination gehabt.
Es sei abends gegen 21.00 Uhr gewesen. Die Stimme kam ganz plötzlich und überraschend. Es war eine laute, unbekannte Stimme. Die Stimme sei nicht menschlich gewesen - sie habe sie für die Stimme des Teufels gehalten. "Es gibt keinen Gott", habe es sehr deutlich geklungen, -wenn sie sich recht erinnert "mehr im Kopf, nicht so wie im Gespräch." Sie habe erst gar nicht gewußt, was los war, das Licht angemacht und in ihrer Angst die Tür zum Zimmer ihrer Schwester eingedrückt. Nach diesem einen Mal habe sie nie wieder Stimmen gehört. Es könnten sehr wohl eigene Gedanken gewesen sein: "Verwirrte Gedanken." Sie sehe den psychotischen Zustand an "wie eine Lungenentztündung, bei der man ja auch nicht viel machen kann." Zum Vergleich: psychotischer Zustand - Traum meint die Pat., "man erlebt alles viel bewußter, als im Traum und fühlt sich auch als sich selbst."

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PATIENT J

Eine Tante der 51 jährigen Pat. sei nach Uterustotalexstirpation l Jahr in einer Anstalt gewesen, darnach aber wieder ganz gesund geworden. Sonst seien ihr keine Nerven-oder Geisteskrankheiten in ihrer Familie bekannt.
Sie selbst sei nach einer normalen Geburt in ihrer frühen Kindheit durch intellektuelle Begabung aufgefallen. Diese habe aber vom 11ten Lebensjahr, "vom Eintritt der Pubertät an", sehr nachgelassen. So sei sie - mit 6 J. in einem guten privaten Lyzeum eingeschult - unter "lauter begabten Kindern immer die Erste" gewesen, bis sie dann allmählich auf den 11ten Platz abgerutscht sei. Ihre Freundinnen dagegen hätten den Platz behalten, den sie von Anfang an innehatten. Das Lernen sei ihr von da an viel schwerer gefallen. Auch glaube sie etwa seit dieser Zeit "etwas sonderbar" geworden zu sein: ihre Freundinnen "waren untereinander herzlicher, als ich das konnte." Als später ihr Vater von den Nationalsozialisten frühzeitig zwangspensioniert wurde, mußte sie in der Obersekunda von der Schule abgehen, um ihrem Bruder den weiteren Schulbesuch zu ermöglichen. Darnach war sie in einer Bank, dann als Stenotypistin tätig.
1940 verheiratete die Pat. sich mit einem Dipl. Ing. Eine Tochter aus dieser Ehe lebe zur Zeit vermutlich in Bonn. Ein 2tes Kind sei 1947 im 6ten Monat nach einem Sturz einfach ausgeschabt worden. Dadurch seien Uterus Und Ovarien in ihrer Funktion so gestört gewesen, daß die Hormonprodnktion ausgesetzt habe. Erst 1955/56 sei sie in Hamburg von einem Gynäkologen erfolgreich, wie Sie meint, behandelt worden. Davor aber habe sie sich gefühlt, als wenn sie schwanger gewesen sei: Gefühl der Fülle im Leib, Ermüdung, schlechter Nachtschlaf. 1950 habe sie sich - angebl. wegen der ständigen Beschwerden

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von ihrem Mann getrennt. Im gleichen Jahr ging sie freiwillig für 3 Wochen in die Charité in Berlin. 1951 war sie, ebenfalls freiwillig, in einer psychiatrischen Klinik Hamburgs in Dehandlung. 1965 war sie wegen eines Verfolgungswahns auf gerichtlichen Beschluß hin in der Landesheilanstalt Bonn untergebracht.
Aus dem Krankenbericht der Pat. geht hervor, daß bei ihr außer der sicheren Diagnose "Schizophrenie" noch der durch ein Encephalogramm erhärtete Verdacht auf Abbau von Hirnsubstanz besteht.
Zu ihren akustischen Phänomenen erklärt die Pat., das Stinmenhören habe angefangen, nachdem sie ihre letzte Stellung verloren hatte. Sie habe daraufhin ihrem Arbeitgeber mehrere Briefe geschrieben. Eines nachmittags, meint sie heute, nachdem sie ihren ersten Brief schon abgeschickt hatte, hörte sie auf einem Stadtspaziergang plötzlich ihren Namen auf sonderbare und sehr angenehme Weise rufen. Sie habe ihren ehemaligen Arbeitgeber erkannt, den sie "richtig als Stimme" in "angenehmer Lautstärke" in ihrem Kopf gehört habe. Er habe ihr seine Zuneigung erklärt und Heiratsversprechungen gemacht.
In lichten Momenten erschienen ihr solche Versprechungen recht unglaubwürdig, da er mit einer sehr hübschen, jungen Frau verheiratet war. Sie meinte dann, er habe einen schlechten Scherz mit ihr vor.
Über die Stimme als solche wunderte sie sich nie. Ihr ehemaliger Arbeitgeber klärte sie denn auch (natürlich als Stimme) über das seltsame Phänomen auf: er brauche nicht zu schreiben, da er, wie viele andere auch, seine Antwort bequem "per Kopftelephon" übermitteln könne, Die Pat. war schließlich der Überzeugung, alle Menschen, die Geld und Einfluß haben, könnten sich auf diese Weise, durch Gedankenübertragung, verständigen. Wer das nicht fertig bringe, "gehöre eben zu denen, die nichts haben," Ihr eigener Vermittlungsapparat sei ihr böswillig zerstört worden.
Wenn sie also etwas sonderbar fand, dann etwa, daß ihr ehemaliger Chef Gedanken äußerte, die seinem Wesen fern lagen; nie aber fiel ihr das Sonderbare des Phänomens an sich auf. Übrigens habe der Arbeitgeber zuweilen auch nach bekannten Schlagermelodien selbstverfertigte Gedichte vorgesungen, und sie fand es sehr aufmerksam von ihm, ihr solche Lieder zu machen.
Er löste auch bedrückende Probleme für sie: als ihr Mann, der getrennt von ihr lebte, schwer erkrankte und schließlich starb, erklärte ihr die Stimme, er sei gar nicht gestorben, sondern nur nach Osten abgereist und habe ihr einige Millionen hinterlassen. Sie bekam dann einigen Ärger, als sie diese Millionen auch tatsächlich anforderte. Im übrigen konnte sie sich gar nicht gegen die Stimme wehren. Wenn sie ihr z. B. befahl, mehrere neue Kleider, die angebl. vergiftet waren, in den Müll zu werfen, so konnte sie diesen Anweisungen keinen Widerstand leisten, obwohl sie in bedrängten Verhältnissen lebte. Auf diese Weise habe sie sich vom Sterbegeld ihres Mannes auch allerlei unnötige Luxusartikel angeschafft und schließlich noch Schulden gemacht.
Außer der Stimme ihres Arbeitgebers habe sie noch zweimal andere Stimmen gehört: Einmal habe sie (nach ihrer Entlassung) im Betrieb vergeblich versucht, den Chef zu sprechen. Zu Hause hörte Sie darnach in ihrem Kopf einen ganzen Chor von Betriebsangestellten, die freundlich "Lisabeth, Lisabeth" hinter ihr her riefen. Beim andern Mal wunderte sie sich, daß ihr Chef, den sie inzwischen für einen Lord ansah, so oft mit ihr reden

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könne, denn er sprach auch, wenn sie nachts wach wurde. Darauf hörte sie alsbald mehrere (ihr unbekannte) Secret-Service Beamte, die erklärten: "Seine Lordschaft muß jetzt Ruhe haben" und könne nicht immer mit ihr reden. Im Augenblick weiß die Pat., daß die beschriebenen Phänomene" aus den eigenen Gedanken herrühren und bezeichnet sie selbst gelegentlich als "Backfischphantasien." Zur Frage, ob es ähnliche Gebilde wie die Halluzinationen eines Träumenden gewesen sein könnten, äußert sie: "Es könnte möglich sein, daß diese Phänomene aus der gleichen Quelle wie Träume stammen."

PATIENT K

Ein Bruder der jetzt 25 jährigen Pat. hat in seinem l5ten L.J. an Veitstanz gelitten, von dem er wieder genas. Sonst sei die Familie unauffällig. Die Pat. wurde während eines Bombenangriffs geboren, keine Zangengeburt. Sie hat sich in der Schule sehr schwer getan, da sie gegenüber den andern Kindern ihrer Klasse stets eine Sonderstellung eingenommen habe; einmal sei sie sogar von 30 Mädchen ihrer Klasse überfallen worden. Sie wurde zweimal nicht versetzt. Nach der Schule in kurzer Zeit 3 Lehrstellen. Sie hat es überhaupt nie lange an einem Arbeitsplatz aushalten können. Nach einer Totgeburt im Jan. 1966 trennte sich die Pat. von ihrem damaligen Verlobten. Im Dez. 1966 heiratete die Pat. ihren jetzigen Ehemann. 1967 erfolgte eine weitere Totgeburt (Rh-Inkompatibilität).
Mit 14 J. wurde die Pat. zum erstenmal in einer psychiatrischen Anstalt behandelt. Darnach einige weitere Anstaltsaufenthalte, 5 davon im LKH/Gr. Sie wurde von ihren uneinsichtigen Eltern gegen Revers der behandelnden Arzte häufig zu früh nach Hause geholt. Die Pat. leidet an einer langsam schleichenden hebephrenen Erkrankung. Akustische Halluzinationen habe sie nur morgens gehabt. Wenn sie aufgestanden war, rief man: "Laßt em leben", oder "macht em tot." Sonst habe sie nichts gehört. Es habe geklungen, wie wenn die Stimmen aus der Wohmung über der ihrigen gekommen seien. Die Pat. weiß heute noch nicht ganz sicher, ob sie nicht doch die Stimmen der Nachbarn tatsächlich gehört habe. Es waren 3 bekannte Stimmen: eine Mutter und deren beide Kinder. Sie hätten das "macht em tot," bzw. "laßt em leben" abwechselnd gerufen, meist aber habe sie die Mutter vernommen. Manchmal hätten sie auch durcheinander gerufen. Sie habe tagsüber nie solche Stimmen gehört, auch nachts nicht, nur, wie gesagt, morgens nach dem Aufstehn. (eigene Gedanken?) "Könnte sein." (Traum?) "Könnte auch sein."

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PATIENT L

Die Mutter des Pat. wirkte auf seinen behandelnden Arzt "schizoid", sein Vater soll früher arbeitsscheu und ein Landstreicher gewesen sein. Er verhalte sich seit einigen Jahren aber ordentlich und geistig unauffällig. Drei Schwestern und ein Bruder des Pat. leben und sind gesund.
Die Eltern des Pat. leben seit vielen Jahren getrennt, sind aber nicht geschieden. Der Pat. wurde 1941 als Achtmonatskind geboren. Da die Hebamme verspätet eintraf, wurde er erst eine halbe Stunde nach der Geburt entnabelt. Bis zum 11ten LJ. sei der Pat. Bettnässer gewesen, sonst sei die frühkindliche Entwicklung normal verlaufen. Er sei immer ein verschlossenes, stilles Kind gewesen, wenig kontaktfreudig und habe nie etwas angestellt oder sich mit andern gerauft. In der V. 5. war er einmal sitzengeblieben. Wegen der schlechten Wohnverhältnisse der Eltern mußte er in seiner späteren Kindheit in Heimen leben. Nach Absolvierung des 9ten VS.- jahres begann er verschiedene Lehren, wechselte dann häufig die Beschäftigung, wurde schließlich arbeitslos und streunte durch die nördliche Bundesrepublik, wo er zum Teil von Bettelei lebte und deswegen auch eine Strafe absitzen mußte. Nach Entlassung aus der Haftanstalt zog er im Mai 1965 zu seiner Mutter, ging keiner Arbeit mehr nach, sondern lebte von deren geringem Einkommen.
Etwa seit Ende 1964 habe er sich verändert gefühlt. Er sei "psychisch eingeklemmt" gewesen. Dieser Zustand habe sich zu einer "inneren Not" gesteigert. Er habe eine starke innere Angst verspürt und befürchtet, sterben zu müssen. Er habe dann das Verhalten anderer Leute als auf sich gemünzt bezogen. Schließlich verspürte er auch einen Nagel, der sich in seinen Leib bohrte und eine kalte Hand, die sich vom Nacken her unter seinem Schädel über Sein Gehirn ausbreitete.

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Bei der Aufnahme ins LKH/Gr. im Juni 1965 wurde die Diagnose einer Schizophrenie mit katatonem Stupor gestellt. Während der Behandlung löste sich der Stupor weitgehend auf. Inzwischen kann der Pat. von einer lockerer geführten Station aus täglich einer Beschäftigung nachgehen. Wann das Stimmenhören angefangen habe, weiß der Pat. heute nicht mehr sicher; es muß vor 2 Jahren gewesen sein, aber ob es tagsüber oder nachts angefangen hat, kann er nun nicht mehr sagen. Er höre aber jetzt in Augenblick wieder Stimmen. Sie kämen aus dem Mund. (Bekannt?) "Sind mir schon bekannt geworden, mittlerweile." Es seien aber nicht die Stimmen ihn bekannter Leute. Er versucht das Phänomen deutlicher zu erklären: es ginge von Herzen aus in den Mund und sei "immer in Bewegung." Als draußen ein Auto angelassen wird, meint er, nun höre er's lauter, versichert jedoch auf wiederholtes Nachfragen, er höre die Stimmen auch dann, wenn es ganz ruhig sei. Er glaubt, er projiziere zuweilen die Stimmen auf irgendwelche Geräusche. (Lautstärke?) "Als wenn ich immer am Sprechen wäre und meine eigene Stimme höre." Es sei meist ein und dieselbe Stimme, die verstumme, wenn er selbst etwas sagt. Das käme wohl daher, daß er sich beim Sprechen konzentriere. Er glaube auch, das Stimmenhören käme "durch die allgemeine Entkräftung", denn wenn er gerade geschlafen habe und ausgeruht sei, seien die Stimmen leiser. (Inhalt?) Er könne nicht sagen, was die Stimme spricht, verliere immer den roten Faden. Dann, nach einem Moment der Konzentration oder des Hinhörens: "Das ist ihre Kuckucksuhr, Kuckucksuhr, hört bald auf, hört bald auf." Wenn er Murmeln der Stimme in Worte faßt: "Das ist für mich ein halber Sieg." Die Stimme sei immer in rhythmischer Bewegung. "Kuckucksuhr, Kuckucksuhr, ist schon gut, ist schon gut." Er sei immer auf der Suche nach Reimen: er fühle die Stimme und bilde sie dann in Wörter um. Er glaubt, daß im Brustbereich sein Blut einen Strudel machte, von dem diese Geräusche stammten. "Wie herum, so herum, so etwas." (Eigene Gedanken?) Glaube er nicht. (Traum?) Könnte sein, daß es aus dem gleichen Bewußtseinszustand komme. Als der Pat. während des Gesprächs etwas von "Archetypen" murmelt und gefragt wird, ob er C. G. Jung gelesen habe, bejaht er sichtlich erfreut. Er sieht auch einen Zusammenhang zwischen den Stimmen und den Archetypen: wenn er "seine Zustände" kriege, "überschwemmt das Unterbewußtsein das Bewußtsein." Während der "Zustände" leide er unter Körpermißempfindungen, wie einem taubem Gefühl im linken Bein und Verkrampfungen der linken unteren Wade, sehe "bösartige Gesichter", wie Fratzen, und werde von lauten Stimmen heimgesucht. Das Stimmenhören sei von allem das Schlimmste. Es seien auch in seinen Zuständen unbekannte Stimmen, die mal aus der Brust, mal von draußen laut würden, aber lauter und greller, als er sie jetzt höre. An den Inhalt der Stimmen könne er sich nicht mehr erinnern und man hat den Eindruck, er möchte sich auch nicht wieder erinnern. Nocheinmal gefragt, ob nicht doch ein Zusammenhang zwischen den Stimmen und seinen Gedanken bestünde, erklärt er, er glaube deshalb nicht an einen solchen Zusammenhang, weil die Stimmen mehr oder minder automatisch (= fremd) herauskämen und schon halbfertige Wörter im Mund nur noch vollendet würden. Doch möglicherweise käme die Störung daher, daß "das Unterbewußte das Bewußtsein überschwemmt."

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PATIENT M

Der Vater der 1923 geborenen Pat. sei am Bruch gestorben, die Mutter 1945 erschlagen worden. Ein Bruder ist gefallen. Geistes- oder Nervenkrankheiten in ihrer Familie seien der Pat. nicht bekannt.
Geburt und frühkindliche Entwicklung der Pat. seien normal gewesen. 8 VS. Jahre, 2 Wiederholungen. Sie sei bis zum 20ten LJ. bei den Eltern geblieben, habe landwirtschaftlich gearbeitet. Darnach war sie bis 1943 als Schaffnerin und Weichenstellerin bei der Eisenbahn tätig, dann in einer Fabrik für Schädlingsbekämpfungsmittel. Nach dem Kriege wurde sie auf falsche Anschuldigung hin interniert, es habe 16 Monate gedauert, bis sie ihre Unschuld beweisen konnte. Wieder frei, ging sie bis 1948 zur alten Firma, war darnach 3 J. arbeitslos und arbeitete dann in verschiedenen Fabriken; mal 6 Wochen, einmal 1/2 J. Schließlich war sie wieder S J. als Putzhilfe bei der Eisenbahn. In der letzten Zeit arbeitete sie bei den Böhlerwerken. Dort mußte sie aufhören, weil die Stimmen sie zu sehr bei der Arbeit gestört hätten. 1963 war sie im LKH/Gr. zum erstenmal in psychiatrischer Behandlung. Nach ihrer Entlassung 1964 hat sie es einige Monate draußen ausgehalten und als Küchenhilfe in einem Krankenhaus gearbeitet. Seit dem 30. 7. 64 ist sie wieder im LKH stationär untergebracht. Sie leidet an einer paranoid halluzinatorischen Schizephrenie.
An wichtigen Daten aus dem Leben der Pat. seien noch eine Fehlgeburt, 1942, und Tripper und Diphtherie, 1947, erwähnt. Die Periode der Pat. sei noch heute regelmäßig. Das Stimmenhören habe 1962 angefangen. Es gehe morgens, wenn sie aufstehe, los und höre abends beim Einschlafen auf. Sie könne den ganzen Tag über Gespräche hören. Unvermittelt sagt sie: "Die Gespräche, also der Ton, wirkt sich aus wie im Traum." Auch im Traum spreche man ja manchmal. "Die Lautstärke ist so zur Zeit." Manchmal seien die Stimmen auch lauter; die Pat. hat, das Gefühl: "Wenn ich mich aufrege, wird es schlimmer." Sie schildert anschaulich, wie sie 1962 zum erstenmal Stimmen gehört hat. Damals hat sie bei der Bahn gearbeitet. Zuerst fiel ihr das Arbeiten schwerer als zuvor, sie litt unter Schweißausbrüchen und das Interesse für die Arbeit sei irgendwie erlahmt. (Auch heute sei ihr Interesse an der Arbeit noch bei weitem nicht so groß, wie vor der Erkrankung.) Eines Tages habe sie den Betriebsleiter und den Oberwerkmeister miteinander sprechen hören, als die beiden gar nicht in ihrer Nähe waren. Sie habe einem Arbeitskollegen von dem seltsamen Phänomen erzählt, doch der habe gar nicht darauf reagiert. Darnach hätte sie sich geschämt, anderen Leuten davon zu erzählen.
So habe es angefangen und sei dann immer häufiger und schlimmer geworden. Schließlich habe sie stundenlag in ihrem Zimmer gesessen, den Stimmen zugehört (sie "konnte nicht anders"), das Radio angemacht, Zeitung gelesen und politische Briefe geschrieben (z. B. an U-Thant und Adenauer), die sie aber doch nicht abgeschickt habe. Am Schluß habe sie nichts mehr gegessen (sie wog bei der Aufnahme 38 kg) und sei dann fast zusammengebrochen. Das Tollste sei, fügt sie noch hinzu, daß sie die Persönlichkeiten, deren Stimmen sie höre, immer bildhaft vor sich stehn sehe. Stets höre sie die Stimmen bekannter Personen. Es seien meist Vorgesetzte, wieder erwähnte Betriebsleiter, die sich zu zweit oder dritt abwechselnd über sie unterhielten. Sie befehlen der Pat., was sie tun soll, doch selbst früher, als sie sich weit mehr gedrängt fühlte als heute, diese Befehle auch auszuführen, habe sie es einfach nicht

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getan. Manchmal "sagen die Stimmen komische Ausdrücke". So höre die Pat., wenn sie sich Gedanken macht, ob sie bei der Bahn wieder Arbeit bekommt, die Stimme ihres ehemaligen Dienststellenleiters: "Du bist zu blöde, du bist ja krank." Oder der Hausherr, der sie seinerzeit vor die Tür gesetzt hat, obwohl sie ihre Miete gezahlt habe, sagt: "Die soll doch machen, daß sie wegkommt, in die Ostzone, wo sie hingehört."
Auch ihre Gefängniszeit komme in den Stimmen immer wieder. Sie höre die Frauen, die sie denunziert hatten, die amerikanischen Aufseher und einen amerikanischen Captain. Manche englisch geführten Gespräche höre sie, obwohl sie die Worte doch gar nicht verstehen könne. Dann höre sie immer wieder, wie ein Amerikaner zu dem deutschen Polizisten, von dem sie gebracht wurde, sagt: "Bringe sie weg", und "machen Sie sich nicht dreckig an dem Schwein."
Neben diesen düsteren Stimmen vernimmt sie aber auch Prof. Klages, der sie seinerzeit behandelt hat. Seine Stimme spreche Sätze wie: "Sie sollten sich weiter für die Bundesbahn interessieren, vielleicht klappt es doch noch. Es wär direkt schade, wenn Sie immer hier bleiben müßten."
Befragt, wo die Stimmen laut würden, meint sie: "Im Kopf." (Woher?) Zu Anfang habe sie gedacht, sie stünde unter Funkverbindung ("Fernhörgerät in Ohr") oder so; sie habe eben von all dem noch nie etwas gehört. Erst, nachdem sie hier im LKH erfuhr, daß auch andere Menschen von Stimmen geplagt wurden, war sie beruhigt. Als sie schließlich die Überschrift eines Artikels von Prof. Panse über Schizophrenie las, dachte sie sich, ihr Stimmenhören würde wohl auch in dem Zusammenhang zu sehn sein. Sie nimmt an, daß die nervöse Störung, aus der sie die Phänomene herleitet, im Gefängnis gesetzt wurde, wo sie 8 Monate in Einzelhaft verbracht habe. Nächtliche Kreuzverhöre, die ein (falsches) Geständnis ihrer Zugehörigkeit zur SS erzwingen sollten, seien nicht selten gewesen. Einmal habe man ihr sogar die Zähne eingeschlagen. Sie glaubt schon, daß in den Stimmen eigene Gedanken laut würden und ein Zusammenhang zwischen Traum und Stimmen erscheine ihr einleuchtend. Sie nehme ja schließlich die Stimmen nicht für Wirklichkeit und brauche etwa deren Befehle nicht auszuführen.

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PATIENT N

Dem Pat. ist keine familiäre Belastung bekannt. Seine Mutter lebt noch, der Vater starb mit 50 J. am Herzschlag. Der Pat. ist das einzige Kind seiner Eltern. Er wurde 1939 im Gebiet der jetzigen Sowjetzone geboren. Geistig und körperlich habe er sich regelrecht entwickelt, sei später in der VS. immer versetzt worden. Nach der Schulentlassung folgte eine 2jährige kaufmännische Lehre, die er mit einer Kaufmannsgehilfenprüfung abgeschlossen habe. Er war darnach zunächst in der Lebensmittelbranche, dann beim Katasteramt tätig. Als er 1957 zur Volksarmee eingezogen werden sollte, verließ er seine Heimat. Seine Mutter ist 1959 ebenfalls in den Westen gezogen, wo sie mit ihrem Sohn zusammen in Düsseldorf wohnt. Er hat zuletzt in einer Lebensmittelgroßhandlung als Lagerist gearbeitet. 1961 wurde er in Hagen von der Polizei aufgegriffen. Er sei als psychisch krank aufgefallen, gab an, Stimmen zu hören und das Bedürfnis zu haben, sich ständig zu waschen.
Zu der Zeit war der Pat. bereits arbeitslos. Er hatte selbst gekündigt: "Ich wollte mal aus allem raus." Später, nachdem seine Mutter von einer Kur zurückgekommen war, habe er festgestellt, daß sie ganz verändert gewesen sei. Als er dann an seinen Kleidern Flecken bemerkte, habe er plötzlich gewußt, daß seine Mutter ihn mit Säure vergiftete. Da verließ er die Düsseldorfer Wohnung.
In einer westfälischen Anstalt ist er 2 Monate behandelt worden und konnte dann im LKH/Gr. untergebracht werden, das näher bei seiner jetzigen Heimat gelegen ist. Schon ganz zu Anfang seiner Krankheit imponierte er "mehr als Defektechizophrener, denn als akuter schizophrener Schub." Er konnte bis heute noch nicht entlassen werden.
Auf die Frage, ob er sich erinnern könne, wann das Stimmenhören eingesetzt habe, winkt er mit einer resignierten Geste ab: er höre schon immer Stimmen. Diese Stimmen kämen von außen, auch schon mal von den Wänden. Es seien unbekannte und bekannte Stimmen. (Wie laut?) Lachend beugt sich der Pat. darauf vor, flüstert: "Mach dies, mach das." Die Lautstärke sei "leise, ganz, ganz leise, als wenn man schläft." Es sprächen viele Personen, die auch durcheinander reden könnten, doch gewöhnlich höre er nur eine einzelne Stimme. "Die eine Hälfte hilft, die andere stört mich." Er höre die Stimmen tagsüber und besondere Ballungszeiten, an denen sie etwa häufiger oder lauter aufträten, als sonst, kenne er nicht. (Herkunft?) "Weiß auch nicht. Aus dem Kosmos?" Eigene Gedanken seien es jedenfalls nicht, er habe die Stimmen immer als fremd empfunden. Es sei auch nicht wie Traum.

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PATIENT O

Der sehr jugendlich wirkende Pat. drängte herzu, als der vorhergehende Pat. gebeten wurde, über sein Stimmenhören einige Auskünfte zu geben, und bot an, seine Erfahrungen ebenfalls zu schildern; er höre auch Stimmen. In der Familie des Pat. sind keine Nervenleiden bekannt. Der Pat. kam 1948 zur Welt. Die Schwangerschaft war durch eine Nierenbeckenentzündung der Mutter kompliziert; Zangengeburt, keine Komplikationen. Normale Kindheitsentwicklung. Bis Nov. 1964 blieb der Pat. psychisch unauffällig. Er lebt bei den Eltern, hat 8 J. ohne Wiederholungen die VS. besucht und stand 1964 im dritten Jahr einer Schlosserlehre.
Während der Vorbereitungszeit auf die Gesellenprüfung ist es plötzlich bei ihm zu Angst und Verwirrungszuständen gekommen, die seine Einlieferung ins LKH/Gr. erforderlich machten. Es handelte sich um den ersten Schub einer akut aufgetretenen Schizophrenie. Obwohl er nach seiner Entlassung aus den LKH in der Arbeit anfänglich nicht mehr soviel geleistet habe, wie vor seiner Erkrankung, hat er die Gesellenprüfung dann doch bestanden.
In seiner geistig-seelischen Entwicklung sei der Pat. etwas zurückgeblieben, und damit er "männlicher" würde, hat er von einem Nervenarzt mehrere Injektionen bekommen. Okt. 1966 wurde der Pat. wieder auffällig. Er habe 3 Wochen nicht gearbeitet, sei nur in der Ecke gestanden und habe 3 Tage lang nicht gegessen, nicht gesprochen und Stimmen gehört. Im März 1967 schließlich ging sein Vater wieder mit ihm zum Nervenarzt, der ihm erneut ins LKH einwies. Der Pat. war häufig mit einem Leihwagen tagelang weggeblieben, was sehr teuer gekommen wäre. Der Pat. beginnt sofort über die ihm unerklärlichen Erlebnisse zu erzählen, von denen er offenbar noch jetzt recht beeindruckt ist:
"Wenn ich nachts langsam am Eindämmern bin, kommen mir die Gedanken entgegen, wie Autoscheinwerfer einem beim Autofahren entgegenkommen. Und dann, schwupps, schlaf ich ein, und dann ist Ruhe." Diese Gedanken seien so laut wie richtige Stimmen. Es seien völlig unbekannte Stimmen. Sie kämen von außen und wollten in den Kopf rein. Er wehre sie ab und dann kämen sie gar nicht rein. (Herkunft?) "Ich weiß auch selber nicht, wie das kommt." Übrigens passiere ihm das auch, wenn er nachts Auto fahre, besonders, wenn er hohe Touren fahre. Er steuere dann sofort zur Straßenkante, lege sich hin und schlafe ein: dann ginge es weg. Die Stimmen fragen ihm belanglose Sachen: "Wie geht es Dir? Was machste heute, was machste morgen, was haste dann vor, was dann?"
Auf den Hinweis, er habe doch im Oktober vergangenen Jahres auch tagsüber Stimmen gehört, erinnert sich der Pat. sofort wieder an diese Tage. Er bedauert aber, nicht mehr zu wissen, was die Stimmen gesagt hätten. (Es war doch tagsüber?) Er bejaht, meint aber auf die Frage, ob er außer diesem Mal noch an andern Tagen Stimmen gehört hätte, sonst sei es nur nachts aufgetreten. Es verwundert nicht, daß ihm ein Zusammenhang zwischen eigenen Gedanken und diesen Stimmen, oder auch Traumzuständen und Stimmen nicht unwahrscheinlich erscheint.

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PATIENT P

Die Mutter des Pat. wird wiederholt als "schizoid" beschrieben. Ein Bruder des Pat. leidet an Schizophrenie. Er selbst habe sich als Kind normal entwickelt. Er besuchte die VS. und ein Gymnasium. In der Obersekunda sei ein Leistungsabfall eingetreten, der ihn zum Abgang von der Schule zwang. Darnach habe er die höhere Handelsschule absolviert. Dann bemühte er sich - weil ihm mit 15 J. eine innere Stimme gesagt habe: "Werde Priester!", - recht intensiv um den Eintritt in ein Kloster. Ein Jahr lang war er auch im Noviziat eines englischen Karthäuserklosters und später machte er noch einen Versuch bei Zisterziensern in der Eifel. Wegen seiner psychischen Auffälligkeiten wurde er aber abgewiesen und für ordensuntauglich gehalten.
Versuche, ins normale Berufsleben zu kommen, schlugen ebenfalls fehl. Der Pat. wurde nach kurzer Zeit immer wieder entlassen, weil er ganz offensichtlich mit den ihm übertragenen Aufgaben nicht fertig wurde. 1963 ist er schließlich zum erstenmal zwangseingewiesen worden, nachdem er "mit einem Brenninstrument seine Zahnleiste im Oberkiefer zerstört" hatte "(bereits tiefes Loch)". Durch diese Operation wollte er sein Profil dem Romano Guardinis angleichen. Er ist auch einmal mit dem Fahrrad von Düsseldorf nach München gefahren, um Romano Guardini zu besuchen.
Mehrfach war er seiner Schizophrenie wegen in einer auswärtigen psychiatrischen Anstalt und ist nun zum drittenmal im LKH/Gr. in Behandlung. Zum erstenmal habe er 1963 Stimmen gehört; zu welcher Tageszeit, weiß er jetzt nicht mehr. Damals habe ein Mitpatient, der Stimmen hörte, während er so etwas noch nicht gekannt habe, die Fähigkeit, Stimmen zu hören, "in seine Hände gelegt".
Häufig höre er die Stimme eines Novizenmeisters namens Pater Hugo. Der sagte ihm, "wie man im Leben bestehen kann, wie man weiterkommt." (Wörtliche Aussagen seiner Stimmen sind dem Pat. offenbar nicht mehr erinnerlich.) Er habe, fügt er hinzu, nicht nur Stimmen gehört, sondern auch "Bilder gesehn, angriffslustige Bilder." An früheren Stimmen sei ihm noch die "feindliche Stimme" des "Pharisäers" Romano Guardini in Erinnerung, die er 1965 gehört habe. Dessen Stimme habe den "imitierten Gott beleidigt." Heute habe er mit Romano Guardini nichts mehr zu tun. Er höre zur Zeit nur Stimmen von Freunden, die seinen Unternehmungen "beipflichten oder ablehnen". Sie "hülfen sich gegenseitig". Am lautesten und häufigsten höre er die Stimmen morgens und abends. Es seien mehrere Stimmen, aber jede rede für sich, Die Stimmen gehörten verschiedenen, aber stets bekannten Personen an. Sie klägen wie normale Stimmen und könnten von diesen nicht unterschieden werden. Die "innerlichen Stimmen" kämen aus dem Mund der betreffenden Personen, die er, wenn sie zu ihm sprächen, bildlich vor sich sehe.
(Wieso "innerlich"?) Doch, er sähe die Personen vor sich, "so wie Sie jetzt," Aber es seien dennoch "innerliche Stimmen, laut gemeint." Er hat sie jedoch immer als fremd empfunden. Einen Zusammenhang mit eigenen Gedanken oder traumähnlichen Zuständen sehe er nicht. Die Stimmen kämen vielmehr dadurch zustande, daß andere im Geiste seine Gedanken sehen und daraufhin antworten könnten.

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PATIENT Q

Aus der Familie der 6ljährigen Pat. sei ein Vetter im Kriege "verrückt geworden", nachdem neben ihm eine Bombe geplatzt sei; ob er dabei verletzt wurde, weiß die Pat. nicht. Dieser Vetter soll heute noch in einer psychiatrischen Anstalt leben, Eine Tante habe in mittlerem Alter plötzlich "sehr nachgelassen", ihren Haushalt aber noch recht und schlecht führen können. Weitere Fälle von Nerven- oder Geisteskrankheiten in ihrer Familie seien der Pat. nicht bekannt.
Sie selbst habe eine normale Geburt gehabt. Sie sei inner sehr zart gewesen und deshalb auch l J. später als üblich eingeschult worden. Bis zum 11ten LJ. habe sie die VS., darnach ein Lyzeum besucht. Dort sei sie nach 8 Schuljahren zu keinem Abschluß gekommen, da sie am Magengeschwüren gelitten habe. Sie habe später Klavier- und Gesangsunterricht am Brahmskonservatorium genommen und außerdem Englischkurse mitgemacht.
Mit 29 J. heiratete sie. Ihr Mann war Chorsänger an einem Opernhaus. Nach einer Fehlgeburt und einem Kind, das kurz nach der Geburt verstorben ist, blieb die Ehe kinderlos. In seinem 64ten LJ. habe ihr Mann einen leichteren Schlaganfall erlitten. Darnach sei er sehr schwierig geworden. Seinetwegen seien sie an die See verzogen, da ihr Mann sich dort am wohlsten gefühlt habe. An der See, wo sie 9 Jahre gewohnt hätten, habe auch ihr Leiden begonnen: dort habe sie sich "die Jurte" angeschafft.
Die Jurte - "ein Turbinenteil aus einem ausgeschlachteten Schiff" - sei letztlich Schuld an allen ihren Leiden. Sie sei zusammen mit Elektrizität wirksam. Auch stehe alles in Verbindung mit einer Lebensmittelverbrennumgsfabrik oder Luftreinigungsmaschine. Insgesamt gebe es in Düsseldorf 5 Jurten (auch "Jurke" genannt). Neben anderen unangenehmen Einwirkungen wie Gedankenentziehungen, dem Entzug der Sexualorgane und weiteren Körpermißempfindungen sowie dem Versuch, sie mit Arsenik zu vergiften, verdankt sie der Jurte auch eine "Übersprache".
Die Pat. ist jetzt zum erstenmal in einer psychiatrischen Anstalt . Das Stimmenhören habe nachts vor etwa 7 J. angefangen, als sie an Schlafstörungen gelitten habe, sagt die Pat. zunächst; später meint sie, sie höre seit einen Jahr Stimmen.
Es sei im übrigen sehr schwer für sie, sehr anstrengend und ermüdend, gleichzeitig dem Ref. zuzuhören und den Stimmen (sie zeigt mit dem Daumen über ihre rechte Schulter). Sie müsse sich sehr konzentrieren, um richtig antworten zu können. Sie höre mehrere unbekannte Stimmen; Männer- und Frauenstimmen, im Moment 3 Männerstimmen. Es seien normale Sprechstimmen ("wie meine eigene"), die sich nur durch die Sprechweise und "durch ihr niedriges Niveau" von normalen Stimmen unterschieden. "Nein, nein, es waren menschliche Stimmen, nichts Übersinnliches, keine fahle Sache." "Jetzt reden sie alle durcheinander, jetzt der, jetzt der andere." (Durcheinanderreden, nicht nacheinander?) "Das bringen sie auch fertig. Auch wenn sie sich zanken, muß ich mir das anhören." Die "Juche" (= Jurke) sei der Urheber von all dem. Von ihrer Pfarrkirche dagegen und darüber hinaus von der Bischofskirche werde sie betreut. Die Kirche habe ihr verboten "dieser Gesellschaft" (= den Stimmen), "diesen Kindern" (= Kindern der Kirche) zu antworten, denn zu häufig benutzten sie gemeine Ausdrücke. Das erste, was sie von den Stimmen gehört habe, war: "Und den Rosenkranz hat sie auch noch in der Hand." Im Moment höre sie: "Sprich nicht, sprich nicht; ich habe

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heute meinen schlechten Tag gehabt, deshalb darf der Dr. auch mit Dir sprechen." Dann: "Tz, tz, tz." Sie sieht über ihre rechte Schulter: "Hören Sie's?" Ausdrücke von "dieser Gesellschaft" seien etwa: Juche, Jurke, Jauze, Piel, Pimmel, Priel. Nun sprächen 2 Frauen: "Auhören, aufhören, Du hast wieder etwas falsch gesagt." Sie sei "sehr gequält", wenn die Stimmen häßliche, gemeine Worte sagten. (Eigene Gedanken?) "Ehrlich nicht, ganz ehrlich nicht," es seien stets fremde Stimmen. Auch habe die Geschichte bewiesen, daß es diese "Überstimmen" gebe; nur seien es da meist himmlische Stimmen gewesen, "aber ich habe hier eine ganz sauige Gesellschaft." Und schließlich habe sie nicht nur die Stimmen, sondern auch diese Geräte, diese Juchen. Sie werde schrecklich gequält. Heftige körperliche Schmerzen und die Stimmen hielten sie nachts manchmal stundenlang wach. Wenn sie schlafe, höre sie keine Stimmen. Es ginge in allgemeinen morgens früh gleich los. Dann höre sie den ganzen Tag Stimmen.

PATIENT R

Bei der Pat., die sich nun schon zum fünften Mal genötigt sah, eine psychiatrische Anstalt aufzusuchen, handelt es sich diagnostisch um eine Spätschizophrenie. In ihrer Familie sind keine Nervenkrankheiten bekannt. Die Pat. wurde 1918 geboren, machte eine unauffällige Kindheitsentwicklung durch und hat in der VS. gut gelernt. Später ist sie im Haushalt tätig gewesen. 1938 hat die Pat. geheiratet. Sie hat einen Sohn. Keine Früh- oder Fehlgeburten. 1935 Unterleibsentzündung, 1941 ven. Inf. vom Ehemann, die nun ausgeheilt sei. Die Pat. neige zur Eifersucht.
1948 wurde sie wegen eines Unterleibkrampfes stationär in einer Frauenklinik behandelt. Damals ist sie zum erstenmal psychisch auffällig geworden: sie meinte, sie müßte sterben, würde in Stücke zerhackt und glaubte, der Ehemann habe ihre Eltern und Geschwister umgebracht. Als sie gegen Mitpatienten aggressiv wurde, war ihre erste Einweisung in eine Nervenklinik erforderlich. Nach ihrer Entlassung im Jahre 1949 blieb sie unauffällig bis 1966.
Ihr Mann sei, wie sie ergänzend berichtete, in seinen letzten Lebensjahren herzkrank und seit einigen Jahren impotent gewesen. Sie habe sich dann mit einem Italiener angefreundet. Dieses Verhältnisses wegen habe ihr Mann sich 1962 das Leben genommen. Der Italiener sei anschliessend zu ihr gezogen und habe 4 Jahre mit ihr zusammen gelebt. 1966 mußte er nach Italien zurück. Als sie darnach noch ein Telegramm aus der Sowjetzone erhielt, wo ihre Verwandten leben, und sie den Inhalt dieses Telegramms sich nicht auf eine harmlose Art zu deuten vermochte, habe sie sich so geängstigt, daß sie einen Selbstmordversuch unternommen habe: sie hat versucht, mit einer Rasierklinge die Arterien in beiden Ellenbeugen

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aufzuschneiden. Aus dem Krankenhaus, in das sie zunächst gebracht wurde, ist sie dann ins LKH/Gr. überwiesen worden.
Zu ihrer jetzigen Aufnahme sei sie freiwillig hierhergekommen, weil sie zur Zeit keine Arbeit habe und darüber sehr beunruhigt sei. Auch habe sie in den letzten 3 Tagen ein dauerndes Klopfen aus dem Radio vernommen. Über ihre Halluzinationen berichtet sie heute: zum erstenmal habe sie 1962, nach dem Selbstmord ihres Mannes, abends gegen 20, bzw. 20.30 Uhr, bevor sie ins Bett gegangen sei, ein mittellautes Knarren aus den Möbeln gehört. War sie in der Küche, dann kam das Knarren vom Tisch oder vom Plattenspieler, war sie in Schlafzimmer, kam es vom Kleiderschrank. Das habe so geknarrt, bis sie eingeschlafen sei. Als der Italiener daraufhin zu ihr zog, sei es ganz weggegangen.
4 Jahre später habe sie nach ihrem Suicidversuch im Krankenhaus eine Spritze bekommen, von der sie eingeschlafen sei. Darnach habe sie im Schlaf Stimmen gehört. Eine unbekannte Männerstimme sagte: "Jetzt haben wir das Liebesnest ausgeräumt." Auch hörte sie, wie ihr Enkelkind lachte, kreischte, Mutti rief und spielte. Auf den Einwand, wenn sie das im Schlaf gehört habe, sei das alles doch wohl ein Traum gewesen, entgegnet sie, sie glaubte das damals tatsächlich gehört zu haben. Wegen ihres Verhältnisses und weil ihr Mann sich deshalb das Leben genommen habe, fühlte sie sich damals angegriffen. Zur gleichen Frage äußert sie später: "Ein Traum ist manchmal freudig, manchmal schwer," aber "ganz anders." Bei dem Stimmen habe sie den Eindruck gehabt, jemand, nämlich das Ordnungsamt, stecke dahinter, weil sie "flott gelebt" habe.
Am Abend desselben Tages, an dem sie diese Stimmen gehört habe, sei durchs Fenster vom Hof des Krankenhauses her ein lautes, klirrendes Lachen gedrungen, "war dem Nachbar seine Stimme, die hörte ich. Da ist vielleicht gar kein Mensch dagewesen, aber meine Ohren haben das gehört." Als sie das Lachen hörte, sei sie wach gewesen. Es war nach ein paar Minuten vorbei. Darnach habe sie nichts mehr gehört.
In den letzten Tagen, bevor sie hierhergekommen sei, habe sie aus dem Radio ein leises Klopfen gehört. Sie klopft mit dem Finger zweimal auf den Tisch, poch, poch, um die Erscheinung zu erläutern. So - zwei- oder dreimal dies dumpfe Klopfen, dann mehrere Minuten Pause, bis es erneut einsetze - sei es meist vom Nachmittag bis an den späten Abend gegangen. Es habe aber auch schon mal vormittags angefangen. Sie mag, scheint's, nicht gern zugeben, daß es sich um Halluzinationen gehandelt habe, fragt, ob micht das schadhafte Radio Ursache gewesen sein könnte, doch weiß sie, daß es auch klopft, wenn das Radio abgestellt ist.
Im übrigen hat sie sich um die Ursache des Klopfens nicht viel Gedanken gemacht; sie habe sich zuerst wohl gefragt: "garum klopft das, woher kommt das?", war aber, als sie den Grund nicht herausfand, auch zufrieden. Auf die Frage, wie sie heute über die Stimmen usw. denke, sagt sie, damals habe sie geglaubt, das Ordnungsamt stekke dahinter, doch jetzt meine sie, das Ganze sei eine Einbildung gewesen.

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PATIENT S

Die 31 jährige Pat. ist nun zum 5ten Mal in eine psychiatrische Anstalt aufgenommen worden. Es hat sich bei ihr diagnostisch jedesmal um eine eindeutige schizophrene Psychose gehandelt mit massiven akustischen und optischen Halluzinationen.
Bei der Pat. bestehe von der Familie her keine Belastung. Bis 1962 sei auch die E. A. unauffällig. Die Pat. ist seit 1966 in zweiter Ehe (die erste Ehe wurde 1965 geschieden) mit einem Gartenbauingenieur verheiratet. Im Jan. 1967 gebar sie Zwillinge. Sie wohnt mit den Kindern und ihrer Mutter in einer 2-Zimmerwohnung, während der Mann aus Platzgründen allein lebt. Bei ihrer jetzigen Aufnahme gab sie an, die Stimmen hätten ihr gesagt, alle Menschen auf der Welt seien Männer und sie sei die einzige Frau. Auch hätten die Stimmen was von Tod und Sterben gesprochen. Dem Ref. berichtet sie: vor ca. 3 Wochen habe sie hier in der Anstalt die Stimme ihres Mannes vernommen. Die Stimme sei von innen gekommen und sei leiser als eine normale Sprechstimme, aber deutlich zu verstehn gewesen. Außer der Stimme ihres Mannes habe sie keine anderen gehört. Sie "fühlte, das war eine persönliche Stimme, sonst nichts."
Die Stimme habe direkt nach dem Erwachen zu sprechen begonnen und dann tagsüber laufend gesprochen, zeitweise mal nicht, dann wieder. Abends beim Einschlafen habe es fast ganz aufgehört, sei aber wieder aufgetreten, wenn sie nachts wach wurde und dann beim Einschlafen wieder verschwunden. So sei das 3 Tage gegangen und habe von einem Tag auf den andern aufgehört. Die Stimme habe gesagt: "Ich liebe Dich." Auch habe sie angeordnet, was sie tun solle, etwa: "Zieh Dir den Rock aus, lege Dich ins Bett, putz Dir die Zähne, wasch Dir die Hände usw." (Traum?) Sie meine schon, daß der Zustand beim Stimmenhören ähnlich dem Zustand beim Traum ist. (Eigene Gedanken?) "Ja und nein." (Wieso?) "Es könnten meine Gedanken gewesen sein, es könnten die meines Mannes gewesen sein." (Andere Menschen sprechen gewöhnlich, um ihre Gedanken mitzuteilen) "Dann werden es sehr wahrscheinlich meine Gedanken gewesen sein." Sie habe sich im übrigen um den Ursprung der Stimmen nicht gekümmert.

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PATIENT T

Der leibliche Vater der jetzt 43jährigen Pat. ist nicht bekannt; im übrigen sei sie familiär nicht belastet. Die Pat., die 1948 geheiratet und 1949 ihr einziges Kind geboren hat, ist bis 1964 psychisch unauffällig geblieben. In diesem Jahr verdichtete sich bei ihr der Verdacht, sie stehe "im Mittelpunkt eines unbekannten Intrigenspieles" und "man habe es allgemein auf sie abgesehn." Ihr Verhalten führte schließlich zu ihrer ersten Einweisung ins LKH/Gr.
Bei - bis heute insgesamt 3 - weiteren Aufnahmen ins hiesige LKH traten neben der paranoiden Symptomatik mehr und mehr akustische Halluzinationen und Wahnideen in den Vordergrund, besonders die, sie habe "mehr in sich als nur eine Frau", sie sei nämlich gleichzeitig ein Mann und imstande, Kinder zu zeugen. Von ihren Stimmen sagt die Pat.: "Ich bin ganz froh, daß sie da sind, ...Ich unterhalte mich gerne mit ihnen ..." Sie höre die Stimmen, sobald sie aufwacht, ob am Tage oder nachts; aber auch wenn sie träumt, habe sie das Gefühl, sie werde von den andern (= Stimmen) befragt; sie meint: "Mein Gehirn ist immer in Bewegung." Vor 3 Jahren habe sie zum erstenmal Stimmen gehört. Es seien Stimmen von Personen, die sie vorher persönlich gekannt habe, mehr männliche, aber auch weibliche Stimmen. Sie sprächen wohl nacheinander, jedoch nicht durcheinander. Die Stimmen seien Sprechstimmen: "So als wenn ich mich ganz leise mit Ihnen unterhalte, also weit weg." Sie höre immer Stimmen. Wenn sie mit jemandem spreche, müsse sie sich richtig konzentrieren, "sonst falle ich wieder in Gedanken." (Gedanken?) "Ja manchmal sind es eigene Gedanken, dann sind es wieder richtige Stimmen." (Stimmen?) "Ja das ist irgend ein Klang im Gehirn." Sie habe das Gefühl, es spreche so im Kopf. Die Stimmen hätten ihr jetzt, nach 40 Jahren, gesagt, sie sei nicht das richtige Kind ihrer Eltern, vielmehr sei ihr Vater eine Person, zu der sie Tante gesagt habe. (Biologisch unmöglich?) "Enäh, dat is doch wahr." Auch habe sie einmal mit ihrer richtigen Mutter gesprochen(also nicht mit der Frau, bei der sie aufgewachsen sei). Dabei habe sie die Stimme ihrer Mutter im Kopf, im Gehirn, richtig so gehört, wie sie jetzt die Stimme des Ref. höre. Ihre Mutter habe gesagt, daß sie noch lebe, aber gelähmt sei. Es sei genau die Stimme gewesen, wie sie vor ihr stehe, genau der Tonfall. Außerdem höre sie viele männliche Stimmen, die "überlegen, was in der Jugend passiert ist," das heiße, die Stimmen spielten auf ihre geheimnisvolle (und vornehme) Abstammung an. Sie erklärt sich das Stimmenhören mit Gedankenübertragung, gibt jedoch zu, es könnten auch eigene Gedanken gewesen sein. Auch die Möglichkeit, es sei eine Art Traum gewesen, erscheint ihr nicht ausgeschlossen. Sie selbst sage schon mal: "Das Ganze, was hinter mir liegt, ist wie ein Traum." Sie sei zu dieser Ansicht gekommen, weil sie so Schweres und Angenehmes nebeneinander erlebt habe, daß es "an und für sich" unwirklich gewirkt habe. Doch sofort fügt sie hinzu, es sei "aber trotzdem wahr."

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IV. GESETZMÄSSIGKEITEN UND LEITLINIEN

Bei unseren eigenen Untersuchungen an 20 schizophrenen Patienten über deren akustische Halluzinationen fanden wir auffallend häufig:

Ein erstes Einsetzen der Halluzinationen zu Zeiten, an denen eine Umschaltung vom Wach- zum Schlafrhythmus oder vom Schlaf- zum Wachrhythmus erfolgt: Pat. A; C; D; E; G; H; I; K; 0; Q?; R. Die Beziehung der Halluzinationen zur Schlaf-Wach-Umschaltung wäre vielleicht noch deutlicher zum Ausdruck gekommen, wenn auch "alte chronische" Patienten, wie z. B. B und N, oder intellektuell weniger leistungsfähige wie F auf die Frage nach dem ersten Einsetzen der Halluzinationen eine präzise Antwort hätten geben können.
Die Stimmen scheinen den Kranken besonders in fortgeschrittenen Stadien der Psyohose aus dem eigenen Körper zu kommen:
A (Ohr); B (Kopf); C ("wenn er sich das Ohr zuhält": Ohr); D (Mund); G (Kopf); I (Kopf); J (Kopf); L (vom Herzen aus in den Mund); M (Kopf); S ("von innen"); T ("Klang im Gehirn").
In akuten Stadien, seltener in chronischen, werden bei unseren Pat. die Stimmen nach außen lokalisiert: A (akutes Stadium); 0 (auch im chronischen Stadium); E (zweiter Schub); F (akut); H (zweiter Schub); K (chronisch); N (chronisch); 0 (zweiter Schub); P (ob wirklich von außen, ist nicht sicher; chronisch); Q (erster Schub); R (guterhaltene Persönlichkeit).
Übrigens sind auch die "inneren Stimmen" im allgemeinen nicht bar jeder sinnlichen Komponente; dies zeigen unter anderem die Beispiele B und M. Bevor wir uns weiteren Kriterien der akustischen Halluzinationen Schizophrener zuwenden, sei darauf hingewiesen, daß die Ergebnisse unserer Untersuchungen den an anderer Stelle berücksichtigten Ausführungen Bleulers (9) nur wenig Neues hinzufügen können. Wenn wir dennoch nicht darauf verzichten, außer dem, was bei Bleuler weniger akzentuiert mitgeteilt wird oder von seinen Ausführungen abweicht, auch das hervorzuheben, was mit seinen Beobachtungen nahezu identisch ist, dann dient dies dazu, die für den anschließenden Vergleich mit akustischen Halluzinationen bei körperlich begründbaren Psychosen wichtigsten Punkte nocheinmal zusammenzufassen.
Die Lautstärke variiert vom Flüstern (Pat.N: "leise, ganz, ganz leise") bis zur lauten "Schreierei" (Pat. E), doch kommen bei unseren Pat. weit mehr leise bis normal laute, als laute Stimmen vor. Bei einigen Pat. ändert sich im Laufe des Tages die Lautstärke der Stimmen:
Pat. A: morgens, beim Wachwerden, abends beim Einschlafen und tagsüber seien manchmal beim Dösen die Stimmen noch lauter. Pat. H: am besten morgens beim Erwachen. Pat. P: morgens und abends am lautesten und häufigsten. Vom schwer verständlichen Gemurmel (Pat. L) bis zum aufdringlichen Geschrei, dem man selbst bei geschlossenem Fenster zuhören müsse (Pat. E), wird von unseren Pat. die Deutlichkeit ihrer Stimmen beschrieben.
Was das "Hörenmüssen" der Stimmen angeht, die Zwangebeachtung, so scheint die Angabe des Pat. O, er habe nicht anders gekonnt, als sich mit den Stimmen zu unterhalten, uns repräsentativ für den Zustand der Kranken in akuten Schüben der Psychose zu sein. Bei chronisch-schizophrenen Pat. konnten wir die Freiheit, ihre Stimmen nicht zu beachten (Pat. A), ebenso finden, wie noch fortbestehende Zwangsbeachtung der akustischen Phänomene (Pat. B). Verhältnismäßig selten (Pat. C; N; Q) sprachen bei unseren

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Pat. die Stimmen wirr durcheinander.
Akoasmen fanden wir einmal (Pat. R), musikalische Halluzinationen und einen Chor von Stimmen ebenfalls nur bei einer Pat. (J), bei der aber neben der gesicherten Diagnose "Schizophrenie" noch der Verdacht auf Abbau von Hirnsubstanz besteht.
In dramatisch eindrucksvollen Szenen liefen Halluzinationen bei den Pat. E und F ab; wobei jedoch bei F eine Komplikation mit Alkohol nicht sicher auszuschließen ist.

Wie sehr die Halluzinationen von unseren Kranken als real, insbesondere als "fremd" empfunden werden, zeigt besonders schön das Beispiel des Pat. L, der eine Mitwirkung seiner Psyche an den Phänomenen durchaus nicht ausschließt (Unterbewußtsein überschwemme Bewußtsein) und dennoch zu ihrer Erklärung annimmt, sein Blut bilde im Brustbereich einen Strudel.
Einige Pat., die schon mehrere Schübe hinter sich hatten, wie J oder M, waren in der Lage, ihre Halluzinationen als Produkte gestörter psychischer Funktionen anzuerkennen, und selbst unter den akut Kranken befand sich zumindest einer (Pat. 0), den seine Halluzinationen als lautwerdende, eigene Gedanken beeindruckten.
Die meisten Pat. erklärten sich den Ursprung der Halluzinationen jedoch durch die Annahme irgendwelcher Apparate, manche glaubten reale Widersacher zu hören, anderen genügte die Vermutung, daß Widersacher ihnen die Stimmen gemacht hätten, manche fragten gar nicht nach der Herkunft ihrer Stimmen und einige endlich glaubten, sie seien befähigt, fremde Gedanken laut zu hören.
Auch daß in den Stimmen feindliche Mächte personifiziert wurden, fanden wir bei unseren Pat.; so glaubte A, daß die Stimmen ihr Asthmaanfälle machten, oder B, daß sie ihm böse Träume schickten.
Überhaupt fühlen manche Pat. sich bis in den Schlaf hinein mit den Stimmen verbunden. Am klarsten drückt dies die Pat. T aus, die auch im Traum Stimmen höre, da ihr Gehirn eben "immer in Bewegung" sei. Andere dagegen hören nur im Wachzustand Stimmen und O ist sogar in der Lage, sein Wissen darum zu seinem Vorteil auszunutzen: er legt sich sofort schlafen, wenn ihn beim Autofahren die Stimmen überfallen, denn das befreit ihn von den unerwünschten Erscheinungen.

Zum Inhalt der Halluzinationen unserer Kranken ist vorweg zu sagen, daß die hier gefundenen Ergebnisse auch nur mit solchen aus unserem Kulturkreis verglichen werden können; so berichtet uns beispielsweise Pfeiffer (25), daß bei schizophrenen Sundanesen inhaltlich andere (besonders euphorisch getönte) Halluzinationen vorherrschen, als bei unseren Kranken.
Die Stimmen unserer Kranken, die bekannten oder unbekannten Personen angehören können, geben sich mit Vorliebe autoritär: "Mach dies, mach das." Die Befehle betreffen nicht nur wichtige Angelegenheiten, wie einen Stellungswechsel, sondern können sich auch auf belanglos erscheinende Alltäglichkeiten und sogar auf Selbstverständliches, wie die Regelung des Atemrhythmus beziehen.
Häufig werden Beschimpfungen und Drohungen gehört. Die letzteren lassen sich zuweilen als Stimme des Gewissens (Pat. R) interpretieren, können aber auch als ungerechte Heimsuchungen empfunden werden (Pat. B oder C), von Widersachern gesandt "aus Lust am Quälen" (Pat. C). Gar nicht selten hingegen werden die Stimmen auch als Tröster begrüßt, die etwa die Einsamkeit eines solchen Kranken erträglich machen. Doch kann, wie wir von unserem Pat. G erfahren, so ein angenehmer Gesellschafter sich unversehens in einen verdrießlichen Plagegeist verwandeln, der, wenn seinen Befehlen nicht nachgekommen wird, zu schimpfen und sogar fühlbar zu strafen weiß. Wie die behandelnde Ärztin berichtet, hat G zeitweilig jenes

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Phänomen, von dem er beherrscht wird, respektvoll nur mit "Herr Geist" bezeichnet!
Manche Stimmen sprechen gemeine, bzw. "unanständige" Worte aus, wieder andere betätigen sich als Ratgeber und einige waren imstande, Rätsel zu lösen und Geheimnisse aufzuklären (diese betreffen Philosophisches und Persönliches: Rädchen im Getriebe; geheimnisvolle Geburt; "der war es"). Manche Stimmen vertraten Ansichten, die den vom Pat. vertretenen Glaubenssätzen nicht entsprachen, sie wurden dann für "feindlich" oder die "Stimme des Teufels" gehalten. Ferner werden tatsächlich gehörte Sätze einfach wieder laut vernommen, einmal sogar in einer Fremdsprache, die von der betreffenden Kranken nicht beherrscht wird (Pat. M).
Eine unserer Pat. (Q) hört Neologismen. Generell, und das gilt vielleicht auch für nicht abendländische Kulturen, läßt sich über den Inhalt der akustischen Halluzinationen Schizophrener folgende Aussage machen: Die Beziehung zur Realität der Normalen kann von schizophrenen Kranken in ihren Trugwahrnehmungen vernachlässigt und sogar ganz aufgegeben werden. So springen der Pat. A kleine Tiere oder Hunde in den Mund und sprechen, oder der Verehrer der Pat. J, dessen soziale Position sie doch genau kennt, wandelt sich in einen Lord, ohne daß dies ihre Verwunderung hervorriefe, oder die Pat. T spricht mit einer Frau, die sie Tante genannt hat, weiß aber gleichzeitig genau, daß diese Person ihr Vater ist u. a. m.
Allerdings können wir nicht von einer obligaten Neigungder Halluzinationen Schizophrener sprechen, ins TraumhaftÜbersinnliche abzugleiten, denn wir kennen auch Kranke, deren Halluzinatienen stets streng an die Wirklichkeit der Normalen gebunden blieben (Pat. M). An affektiven Reaktionen fanden wir bei unseren Kranken keineswegs häufig Verblüffung, während sie im übrigen, ob erfreut oder gereizt, eigentlich ganz adäquat auf die entsprechenden Stimmen reagierten. Viele Pat. sind - geradezu auffallend - unbeeindruckt von der Tatsache, daß sie im Augenblick von Phänomenen heimgesucht werden, denen sie einige Zeit zuvor doch nicht ausgesetzt waren.

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V. DISKUSSION DER ERGEBNISSE

Zum Vergleich mit unseren Ergebnissen seien zunächst die wesentlichen Feststellungen zitiert, die H.J. Hartmann (14) über akustische Halluzinationen bei hirnorganisch Kranken getroffen hat:"
1. Wesensunterschiede des akustischen Halluzinierens bestehen zwischen den berücksichtigten exogenen Krankheitsgruppen nicht.
2. Die akustischen Halluzinationen haben, wenn sie vorkommen, einen mehr oder weniger massenhaften Charakter.
3. Die akustischen Halluzinatienen sind in besonderer Weise lebhaft, plastisch und von unmittelbarem Eindruck.
4. Form- und Inhaltsgefüge der akustischen Halluzinationen sind aus durchaus erfahrbaren, die Realität des Lebens wiederholenden Elementen strukturiert, die in einer besonderen Weise ins Grotesk-Phantastische verzerrt werden können."

Bevor wir zur Frage nach grundsätzlichen Unterschieden zwischen den akustischen Halluzinationen bei Schizophrenen und hirnorganisch Kranken Stellung nehmen, wollen wir unsere Ergebnisse mit den Punkten 2. bis 4. der Aufstellung Hartmanns vergleichen:

Auch einige unserer Pat. hören mehrere Stimmen zugleich. Doch abgesehen von der Pat. J, die einen Chor von Stimmen hört, uns aber aus oben angeführten Gründen nicht als typisch erscheinen mag, nehmen sich die Trugwahrnehmungen unserer Pat. in Bezug auf die Massenhaftigkeit des Gehörten bescheiden aus neben dem, was uns von hirnorganisch Kranken berichtet wird: eine dieser Kranken habe etwa das Gerede von "250 000 Nazis" gehört. Auch die Plastizität des Gehörten dürfte bei hirnorganisch Kranken intensiver sein, als sie von der Mehrzahl unserer Pat. empfunden wurde, doch wird an einzelnen Beispielen, etwa dem der Pat. A oder E deutlich, daß wir eine solche Feststellung keineswegs verallgemeinern dürfen.
Was den Inhalt der akustischen Halluzinationen angeht, so können wir mit der oben gemachten Einschränkung folgende Aussage über einen wesentlichen Unterschied zwischen den wahnhaften Produktionen hirnorganisch Kranker und Schizophrener festhalten: Die Bindung an die Realität ist in den akustischen Halluzinationen Schizophrener allgemein geringer als in denen hirnorganisch Kranker. Haben etwa die Trugwahrnehmungen der letzteren die Möglichkeit, sich ins grotesk-Phantastische zu verzerren (250 000 Nazis), herrscht im Unterschied dazu bei denen Schizophrener die Neigung vor, sich ins traumhaft-Übersinnliche umzubilden (Tante = Vater).

Unter Berücksichtigung all dieser Unterscheidungen halten wir es dennoch für zu kühn, einen Wesensunterschied zwischen den akustischen Halluzinationen Schizophrener und denen hirnorganisch Kranker als gegeben anzusehen.
Denn die Untersuchungen an 20 Pat. haben bereits erkennen lassen, daß bei Schizophrenen die Trugwahrnehmungen zu mannigfaltig sind und die Auswahl an Erscheinungsbildern zu reichhaltig ist, um für alle akustischen Halluzinationen zugleich allgemeingültige Aussagen machen zu-können. So hat ja auch J. Wyrsch (28), als er zwischen schizophrenen- und Alkoholhalluzinanten unterschied, sich auf eine Untergruppe der Schizophrenen beschränkt, die paranoid chronischen Halluzinanten.

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Wenn wir zum Abschluß unserer Diskussion noch einmal auf die Frage zurückkommen, wie die Halluzinationen Schizophrener verglichen mit den Wahrnehmungen Gesunder auf zufassen seien und dabei besonders die Beziehungen zwischen diesen Halluzinationen und Traum- und Schlafzuständen hervorheben, so folgen wir damit einer alten psychiatrischen Tradition.
Denn schon Jahrzehnte vor den Entdeckungen der Psychoanalyse machten namhafte Psychiater, wie etwa Griesinger (13), "auf die große Ähnlichkeit des Irreseins mit Traumzuständen" aufmerksam. Und Griesinger entdeckte bereits, in welchem Maße die Erforschung von Mechanismen, wie wir sie z.B. beim Einschlafen oder Erwachen antreffen, zum Verständnis auch schizophrenen Erlebens beitragen kann:
"In der Tat muß sich die Analogie des Irreseins mit dem Traum namentlich an die Träume im halbwachen Zustande halten."
J. Moreau de Tours fand laut Ackerknecht (1) für den Irrsinn die Formulierung "rève éveillé." Später war es C.G. Jung (17), der, durch Freuds Schriften angeregt, auf Gemeinsamkeiten bei Dementia praecox und Traum hinwies.
Den Ausdruck "abaissement du niveau mental" prägte Janet (16) und Berze (5) betonte die wichtige Stellung, die einer "Hypotonie des Bewußtseins" in der Schizophrenie zukomme.
In veränderter diencephaler Funktion sieht Ewald (11) die Grundlage für jene "mangelhafte Bewußtseinsstraffung", die das Verwechseln von Wahrnehmungen und Vorstellungen möglich mache. Ewald nahm im neueren deutschsprachigen Schrifttum "zur Theorie der Schizophrenie" Stellung. Kamen all diese Vorstellungen auch unseren eigenen weitgehend entgegen, so beschäftigte uns doch im Verlauf unserer Untersuchungen immer mehr eine Frage, die uns durch die oben zitierten Auffassungen noch nicht beantwortet schien.
Einige Pat. nämlich verblüfften geradezu durch eine ausserordentlich wache Gesamthaltung, in der keine Spur von träumerischen oder somnolenten Gebaren zu entdecken war. Dennoch halluzinierten sie. Dieses Problem fanden wir auch in einer Schrift von N.R. Zec (29):
"Während eigentliche Schizophrenien bei klarem Bewußtsein verlaufen, werden die Pseudoschizophrenien durch hypnoide Zustände gekennzeichnet." Wie also kann es geschehen, daß Menschen halluzinieren, die keineswegs etwa durch oneiroide Zustände in Sinne Mayer-Gross' (23) imponieren?

Unsere Antwort auf diese Frage sahen wir bestätigt durch R. Bilz (7). Zwar hat der Autor bei seinen Untersuchungen die Schizophrenie ausdrücklich ausgeklammert, doch halten wir einige seiner Ausführungen für so allgemein und grundlegend, daß wir sie nicht zu verfälschen glauben, wenn wir sie auch an dieser Stelle zitieren. So stellt Bilz fest, daß Schlaf mehr ist, als nur das Schwinden des Wachseins:
"Schlafen als vitale Rolle ist eine "Leistung" ... Es wäre verkehrt, wollte man meinen, daß der Schlaf nichts anderes sei als das Negativ der Vigilitäts-Befindlichkeiten."
Für außerordentlich wichtig halten wir die Ansicht, der Schlaf sei kein einheitlicher Vorgang:
"Daß S- (= Schlaf) und KS- (= konträre S) Elemente mit V(= Vigilität) Elementen gemischt sein können, so daß z.B. Traum-Elemente in unsere biologisch-reale Umwelt

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eingestreut sind, führt dahin, daß sich die Wachseins-Vigilanz mit ihnen befaSt. Wenn nun gar noch das S-Element der hypnagogen Kritiklosigkeit dazukommt, ist der Schaden unübersehbar, denn die KS-Elememte, z. B. ein Stimmenhören, wird dann als leibhaft-reales Stimmenhören aufgefaßt, und das Subjekt ist überzeugt, daß in seiner physikalisch-realen Umwelt ein anderer biologischexistierender Mensch lautliche Äußerungen von sich gibt. Es sind die eigenen Gedanken, die verräumlicht und verfremdet werden und auf das Subjekt zurückwirken."
Unsere eigene Ansicht stimmt mit R. Bilz' Überlegungen in wesentlichen Punkten überein:
Um den Zustand des Schlafs zu ermöglichen, müssen voneinander verschiedene funktionelle Systeme gekoppelt in Aktion treten.
Bei der Umschaltung vem Wach- zum Schlafzustand werden nicht nur Systeme tätig, die das Vegetativum betreffen, sondern auch solche, die den "Geisteszustand" des wachen Menschen grundlegend verändern.
Bei uns noch unbekannten Störungen in der Koppelung dieser Systeme können einzelne von ihnen zu arbeiten beginnen, ohne daß auch die andern Systeme mitwirken. Wird das funktionelle System, das einen Zustand der Kritiklosigkeit hervorruft, gesondert aktiv, kommt es zu Halluzinationen. Natürlich treten ebenfalls Halluzinationen auf, wenn dieses System weiterarbeitet, während die andern, normalerweise dazugehörigen, ihre Tätigkeit bereits eingestellt haben.

Die Vorstellung, der Schlaf sei ein zusammengesetztes Ganzes, ist übrigens recht alt. Schon Bichat (6) schreibt:
"Le sommeil général est l'ensemble des sommeiles particuliers." In Konsequenz aus unseren Ausführungen ergibt sich die Annahme, daß den funktionellen auch morphologische Systeme entsprechen.
Die Frage, ob diese nun in der Formatio reticularis des Hirnstammes, auf die Poeck (24) in einer neueren Arbeit hinwies, oder an anderer Stelle zu suchen seien, läßt sich, wie wir hoffen, mit ausreichend genauen Untersuchungsmethoden beantworten.
Es bleibt uns noch, auf die Möglichkeit hinzuweisen, die Schizophrenie als Folge einer mangelhaften Koppelung der eben beschriebenen Systeme zu sehen. Dies wird durch Bilz Annahme weiterer "S.-Elemente", wie Desinteresse u.a.m. erleichtert, da unter dieser Voraussetzung auch Krankheitsbilder wie die Schizophrenia simplex verständlich erscheinen.

Zwar nimmt L. Bellak (4) an: "... we could state here that the material tends to present evidence that denentia praecex is not a disease entity but that patients usually subsumed under that diagnosis have in common a more or less similar type of reaction to varicus etiological factors ranging fron hypothetically completely organic to hypothetically completely psychogenic ones.", doch schließt seine Ansicht nicht aus, daß jener "similar type of reaction" Ausdruck von Störungen ist, die letztlich immer an den gleichen Stellen ansetzen und damit auffindbar und angehbar werden.

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VI. ZUSAMMENFASSUNG

Das Anliegen dieser Arbeit war es, die Eigentümlichkeiten akustischer Halluzinationen bei Schizophrenen im Vergleich zu akustischen Halluzinationen hirnorganisch Kranker festzustellen. Nach eigenen Untersuchungen an 20 schizophrenen Pat. des hiesigen LKH und unter Berücksichtigung der Literatur vermochten wir es trotz verschiedener Unterscheidungen nicht, grundsätzliche Unterschiede zwischen den akustischen Halluzinationen Schizophrener und denen hirnorganisch Kranker zu sehen, da bei Schizophrenen die Halluzinationen zu vielgestaltig sind, um sich klar gegen die hirnorganisch Kranker abgrenzen zu lassen. Ferner fanden wir Hinweise, die auf Beziehungen zwischen den akustischen Halluzinationen Schizophrener und dem Schlaf- und Traumgeschehen deuten.

VII. LITERATURVERZEICHNIS

1. Ackerknecht, E.: Kurze Geschichte der Psychiatrie . Stuttgart, Enke, 1957, S. 51
2. Anastasopoulcs, G. K.: Psychiat. Neurol., Basel Bd. 143: S. 233, 1962 u. 144: S.338, 1962
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Herrn Professor Dr. med. Klages möchte ich für die Überlassung des Themas und wertvolle Anregungen bei der Durchführung der Arbeit besonders danken.

LEBENSLAUF
Am 5. 10. 1941 wurde ich in Duisburg als Sohn des Dr. med. Heinrich Soeken und dessen Ehefrau Elfriede, geb. Halverscheidt, geboren. Mein Vater ist im April 1945 als Stabsarzt in Paderborn gefallen. 1948 wurde ich in Rheinhausen eingeschult. 1950 hat sich meine Mutter mit Oberingenieur Georg Scheuer wiederverheiratet. Seit 1952 wohnen wir in Düsseldorf. Am hiesigen Humboldt- Gymnasium erhielt ich 1962 das Reifezeugnis. 1962 begann ich an der Universität des Saarlandes mit dem Studium der Medizin, wechselte 1965/66 für 2 Semester nach München und studiere seit dem Winter 1966 in Düsseldorf. Hier möchte ich auch die ärztliche Prüfung ablegen.

Dr. Bernd Soeken